Am Fenster

Stand am Fenster: Regen
schlug sein Trommelfeuer
gegen gerissenes,
staubschweres Glas.

Draussen waren weite
Schatten, die verbargen
die Wächter. Wer bewacht
die Wächter?

Einer suchte ein Kind,
sechs Jahre. Entführt aus
einem Irrtum: Es gab
kein Geld.

Ein wenig Freude wurde
ihr noch abgerungen:
Mit dem Fleischerbeil.
Dann fraßen die Hunde.

Mit dem Fleischerbeil
zerbrach er die Schädel
der Hunde. Blut malte
einen Atlas der Gewalt
auf seine Brust.

Stand am Fenster: Regen
schluckte die Schreie der
Stadt: dumpfes Weinen,
gedämpftes Gelächter.

Im Regen suhlte sich
die schlechteste aller
möglichen Welten –
In Nacktheit und Ekel.

Gierige Erektionen
über zitterndem Fleisch.
Schweiß der Weiblichkeit:
Geruch der Macht

Ihre Schreie hatten
dreiundzwanzig Fische
an die Grenzen ihrer
Aquarien gelockt

Starre Augen apathisch
nach Lust schnappender
Silhuetten sahen
Samen, Blut und Dreck
im Hinterhof.

Stand am Fenster: Regen
glitt spurlos am Schmierfilm
alten Schornsteinatems
ab wie Tod an der Welt.

Gegenlichtentladung
gebrochen im Glaspalast:
Das Auge der Hohen
sah eine Zahl.

Sieben schwarze Herren
um einen schwarzen Tisch:
handelten Reis, bestimmt für
den Bauch eines Schiffs.

Schrieben Zauberworte
mit der Macht ihrer Namen
und gigantisch im Nebel
teilten sich Wellen

Sieben Titanen hungerten
nach Zahlen und die
Zahl der Hungernden war
wie die Flut im
Nachstrom des Schiffes

Stand am Fenster: Regen
verwischte den Bewuchs
im Garten zu einem
Rorschachbild

Im Bild starrten die toten
Hunde, wiedererweckt:
Rorschachtest eines
Schmetterlings.

Im Bild glänzte auf ihren
Schenkeln der blutige
Laich ihrer zitternden
Peiniger

Im Bild schrieben sich Zahlen
zaubermächtig in die
Vorstellung jaulender
Händler

Für einen Augenblick reißt
eine plötzliche Entladung
in den Wolken das
verschwommene Gesicht
des Stadt ins Grelle:
das Rorschachbild – ahnungsvoll,
aus der Tiefe herauf geschleppt –
entgleitet der Beobachtung:
Die Chimären des Wahnsinns
weichen vor den Gorgonen
des Lebens.

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~ von gedichtblog - 27. August 2008.

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