Stille Tage

In jenen Tagen lag eine seltsame Stille über den Straßen der Stadt. Sie kam jede Nacht mit den frühen Stunden und verblieb bis zum Morgen. Es war eine Stille der Ängstlichen, die Stille des eigenen Atems, wenn man sich an engen Orten versteckt. Sie begann sich auszubreiten nachdem die ersten Toten gefunden worden waren. Zunächst waren es vor allem die Alten, die nach Mitternacht in die Dunkelheit lauschten. Die jungen Leute waren in den Bars und Clubs und tranken und tanzten. Aber als die Toten mehr und mehr wurden, wurden auch die größten Hedonisten still.
Die erste Tote war eine sechsundzwanzig jährige Krankenschwester. Sie starb auf dem Parkplatz der Klinik, direkt vor einer kleinen Seitentür, in die jemand ein windschiefes Herz geritzt hatte. Ihre halb gerauchte Zigarette lag neben ihr, in ihrem Blut verlöscht. Damals dachte noch jeder, der von diesem Ereignis erfuhr, dass der Täter ein Mensch wäre, vielleicht ein abgelegter Liebhaber. Als dann andere gefunden wurden, immer in der Zeit zwischen Mitternacht und Sonnenaufgang gestorben, begann man in den Büros der Kriminalpolizei von einem Serientäter auszugehen. Man nannte ihn den Friedhofschichtmörder.
Die Toten hatten wenig gemeinsam gehabt als sie noch lebten. Sie stammten aus allen Schichten und Stadtvierteln, aber immer starben sie zwischen Mitternacht und Morgengrauen. Auch der Kontext ihrer Tode war vielfältig. Den meisten waren die Augen herausgerissen worden, manchen fehlte die Zunge. Es gab auch solche, bei denen alle Knochen ihrer Hände gebrochen waren. Einige hatten Verstümmelungen im Intimbereich, aber gestorben alle waren an weitläufigen Verletzungen des Halses. Auch hier gab es einen gewissen Variantenreichtum. Man fand glatte Schnitte, Zertrümmerungen, Stichwunden und in einigen Fällen schien es, als hatten nur Fingernägel und zielstrebige Hände Verwendung gefunden.
Bis zum siebten Toten dauerte es beinahe einen Monat. Danach wurde eine Sonderkommission eingerichtet, um den Friedhofschichtmörder aufzuspüren. Sie bestand aus vier überaus fähigen Ermittlern, von denen jeder zwanzig oder mehr Jahre Erfahrung in der Aufklärung von Morden vorweisen konnte. Drei Monate später hatten zwei von ihnen Versetzungsgesuche eingereicht während einer, der in auch in seinem Privatleben eine belastende Zeit durchlitt, sich mit seiner Dienstwaffe in den Mund schoss. Diese durchaus ungewöhnliche Entwicklung war den Besonderheiten des Falls geschuldet. Jenem Inspektor, welcher sich selbst erschoss, war ein Muster in der Entwicklung der Todesfälle aufgefallen. In den ersten 28 Tagen tauchten sieben Opfer auf, in den folgenden 28 waren es vierzehn, dann eines jeden Tag und in den darauf folgenden Tage waren es zwei in jeder Nacht.
Doch diese mathematische Serie war längst nicht das einzig ungewöhnliche an diesen Morden. Die besondere Brutalität der Taten wurde bereits erwähnt und auch wenn diese sicherlich dazu beigetragen hatte, die düstere Phantasie der Stadtbewohner anzuregen, waren es zwei andere, eng zusammenhängende, Sachverhalte, die ihnen den Schlaf rauben sollten. Da war zunächst die umfassende Heimlichkeit des Täters. An keinem Tatort wurde auch nur die geringste Spur von ihm oder ihr gefunden. Spätestens als es zu schneien begonnen hatte, hätte man seine oder ihre Fußspuren finden müssen, doch die einzigen Fußspuren die man fand, waren die der Opfer. Am eindrucksvollsten war in dieser Hinsicht wohl der Fall einer älteren Frau, welche in der Mitte eines zugefrorenen Sees gefunden wurde. Die weiße Ebene um sie herum war nur von einer geraden Furche von Ufer her durchbrochen und es war ohne Zweifel, dass sie diese selbst getreten hatte.
Aber mehr noch als diese unerklärliche Heimlichkeit schürte eine andere Erkenntnis die sich ausbreitende Furcht. Es war angesichts der Brutalität der Taten schwer zu glauben und die Ermittler der Sonderkommission brauchten bis in den dritten Mond der Mordserie hinein um sich einzugestehen, was der tatsächliche Grund für die fehlenden Spuren des Täters war. Da war zunächst das Blut an den Händen der Opfer, aber diese hätten auch nach der Tat, im Sterben liegend ihre eigenen Wunden berühren können. Aber schließlich waren es die Wunden selbst, aus höchst eigentümlichen Winkeln geschlagen, geschnitten und gerissen, welche die beunruhigende Wahrheit zur Erkenntnis brachten. Dass nämlich ein jedes der Opfer von eigener Hand zu Tode gekommen war.
Nachdem diese Nachricht gedruckt und geflüstert die Runde gemacht hatte, vollendete sich die nächtliche Stille über der Stadt. Die Unterhaltungs- und Tanzlokale schlossen ihre Pforten, wer auf den Straßen ging sah sich beständig um und wer es überhaupt vermeiden konnte nach draußen zu gehen, der schloss sich zu Hause ein.
Der vierte Monat war der schlimmste. Jede Nacht, zwischen Mitternacht und Morgengrauen starben zwei Bewohner der Stadt. Und am Tage, wenn die Menschen miteinander sprachen, hörte man ängstliche Geschichten. Einige fanden ihren Weg in die Zeitungen. Von jenseits des Meeres seien Übeltäter gekommen und hätte das Trinkwasser mit einer geheimen Droge vergiftet. Diese Substanz, so hießt es, löse in manchen Menschen Todessehnsucht, in anderen Angst aus. So begannen einige kein Leitungswasser mehr zu trinken, andere gingen noch weiter und wuschen sich nicht mehr. In den Kirchen der Stadt predigten die Pfaffen vom Zorn des Herren und den Sünden der Bürger. Und die Zahl der Selbstmorde alten Stils, gut zu erkennen an der mangelnden Blutrünstigkeit, begann ebenfalls zuzunehmen. Manch einer schien jenen Tod so sehr zu fürchten, dass er lieber in einen anderen floh.
Aber weder verschlossene Türen noch fromme Gebete hielten das Sterben auf. Die Menschen starben ob gewaschen oder ungewaschen. In den letzten Tagen des vierten Monats waren die Straßen auch tagsüber wie ausgestorben. In vielen Geschäften waren alle Mitarbeiter in den Winterurlaub gefahren. Wer er sich überhaupt erlauben konnte verließ die Stadt bevor bald jeden Morgen vier Opfer zu beklagen sein würden. Diese Ausdünnung hatte auch zur Folge, dass einige der späten Opfer erst Tage oder Wochen später gefunden wurden, als ihre Nachbarn, Freunde oder Familie sich wieder in die Stadt zurück wagten.
In der Nacht zum zwanzigsten Januar wurden die letzten beiden Toten gefunden. Der erste in seinem Schlafzimmer, das große Fenster im dritten Stock war von außen zerbrochen worden. Der zweite in einem Mietwagen, er war auf der Durchreise gewesen. Die Angst und die Stille aber blieben noch etwas länger in der Stadt. Erst als der Schnee zu schmelzen begann und schon über ein Monat lang an keinem Toten jene überaus eigentümlichen Zeichen gesehen worden waren, schlich sich eine träge Lebendigkeit zurück in die Straßen und Plätze. In den folgenden Jahren gab es einmal einen Nachahmungstäter, aber dieser wurde nach drei Toten von der Polizei aufgespürt. Er hatte mehr als genug Spuren hinterlassen.

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~ von gedichtblog - 18. August 2010.

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