Dinner im Hauptquartier

“Der Krieg ist meine Mutter” sagt der General. “Groß und weich und er riecht nach Jasmin.” Draußen brüllt jemand etwas unverständliches. Irgendwo explodiert eine Bombe. Der General birgt schützend einen Teller Wirsing mit Möhrchen in seinen Armen. “Der Krieg hat mich gepflegt und erzogen, er hat mich auf seinen Knien spielen lassen und mit seinen großen, weichen, nach Jasmin riechenden Brüsten gesäugt.“ Ein Granatsplitter bricht durch das kleine Fenster über der Tür und schlägt einen Krater in die Decke, bevor er in einem Wölkchen aus Putz und verdampftem Plastik zu Boden fällt.
„Und wie jede gute Mutter macht mir der Krieg noch immer manchmal Wirsing mit Möhrchen.“ sagt der General. Und „Man hat nicht wirklich gelebt, wenn man nicht die bedingungslose Liebe einer Mutter erfahren hat.“
„Meine Mutter hat immer gesagt, als Soldat muss man nur Disziplin verstehen.“ sagt der General. Seine Hand mit der Gabel schwebt bedrohlich über dem Wirsing und den Möhrchen.
„Meine Mutter hat mir das Kochen beigebracht.“ ergänzt ihn der Koch, „Schweinekrustenbraten, Falscher Hase, Saure Lunge, Stopfleber, Rinderahmbraten und Ente, meine Güte, Ente. Aber der Herr General isst ja kein Fleisch. Wirsing mit Möhrchen! Möhrchen! Wirsing! Möhrchen! Immer nur Möhrchen!“ Etwas explodiert „Und Wirsing! Meine Frau sagt schon, dass mir der Wirsinggeruch in der Haut steckt. In den Poren, Poren voller Wirsing! Ohren voller Möhrchen! Und jetzt wird auch noch geschossen!“
„Beruhigen sie sich, Mann“ Dem General hängt etwas Wirsing im Bart. Der wippt rhythmisch mit, wenn er spricht. „Sie sind doch Soldat. Im Krieg zu hause, nur unter Beschuss zufrieden mit der Welt. In Mutters Schoß ist alles gut!“
„Jawohl“ sagt der Koch. „Jawohl, Herr General!“
„Wirsing und Möhrchen, das ist wahre Liebe. Das ist Zuhause. Ich will immer sagen: Mama bleibt für immer da! Aber was würden da die Männer denken? Ein Muttersöhnchen als General. Als General muss man hart sein, hart wie Hartplastik! Und zäh wie Kantinenschnitzel! Und flink, flink wie etwas sehr flinkes. Was ist sehr flink? Helfen sie mir auf dir Sprünge!“
„Finken.“ Schlägt der Koch vor.
„Ficken?“ Fragt der General und der Wirsing in seinem Bart nickt.
„So kleine Vögel.“ Erklärt der Koch.
„Ah, Ficken.“
Der General denkt an Spatzen.
„Nun?“ fragt der Koch, aber der General sieht ihn nur verständnislos an. „Wollen sie ihre Rede nicht zu Ende bringen?“
„Ich möchte lieber noch etwas Wirsing mit Möhrchen. Geht das?“ Im Nebenraum singt jemand Hit Me Baby One More Time, wodurch das Schweigen des Kochs noch gegenständlicher wird. „Nein.“ sagt das Schweigen. „Nein, das geht nicht. Seit vierzehn Jahren koche ich Wirsing mit Möhrchen für Sie. Nein, für dich. Es hat sich ausgesiezt.“ Das Schweigen brodelt. „Du bist ein Wirsing mit Möhrchen Faschist! In deiner Welt gibt es kein Boeuf Stroganov, kein Omelette du Fromage, kein Scallopini Milano, nicht einmal Beef Wellington oder Gemüsesuppe. Es ist immer Wirsing, Wirsing, Wirsing und gottverfluchte Möhrchen. Und jetzt geht die Welt unter und ich mag nicht mehr. Ich kann keinen Wirsing mehr sehen, geschweige denn riechen. Wirsing stinkt. Wirsing ist wie der Krieg, nur dass der schneller vorbei ist. Wirsing wächst in meinen Ohren und Möhrchen kriechen aus meiner Nase. Ich bin schon ganz Wirsing geworden, du, du Barbar!“
„Aber sicher Herr General.“ sagt der Koch und nachdem die Tür hinter ihm zugefallen ist streicht sich der General durch den Bart und das Stückchen Wirsing bleibt an seinem Hemdärmel hängen. Gerade so zwischen Knopf und Knopfloch, dass es nicht zu sehen ist.
„My loneliness is killing me“ flüstert es durch die Wand, während der General über die strategische Situation meditiert. Der Feind steht von den Toren, längst ist das Hauptquartier in Reichweite seiner Artillerie. Bald ist es vorbei. Aber das ist gleichgültig. Der General versteht den Krieg nämlich und er weiß, dass der Sieg nur eine Seite eines notwendigen Paares ist und dass es ohne Verlierer keinen Sieger geben kann. Am Ende muss jemand gewinnen. Das ist manchmal der, der am Ende noch steht. Krieg ist eine Frau mit großen Brüsten. Die eine heißt Sieg, die andere Niederlage, aber egal auf welcher Seite man steht, man hat einen Nippel. Ein Glas Milch wäre schön. Muss den Koch fragen ob noch Milch da ist. Es ist gut, dass es den Koch gibt. Niemand kocht so leckeren Wirsing mit Möhrchen.
Etwas im General weiß, dass er diesen Mann so sehr liebt, weil der Koch ein Teil seiner Mutter ist. Der Koch ist ihre Hände und ihr Herz. Kraftvolle Hände und doch mit viel Gefühl in ihren tätigen Verrichtungen. Hände, deren kunstfertiges Werken den Geschmack von wahrer Liebe hervorbringt aus dem kalten Dunkel einer namenlosen Konserve in der edelstahligen Reinheit einer stets frisch desinfizierten Großküche. Und ein Herz, dass sich voll und ganz, durch die endlosen Jahre einer uniformierten Kindheit hindurch, der Vervollkommnung dieser einen, zentralen Schöpfung hingegeben hat. Es schlägt dort in der Küche, neben den Gasflammen, eingehüllt in das martialische Aroma des Wirsings. Es hüllt sich in Salz und Pfeffer und Rahm und serviert sich auf einem grauen Tablett. Es ist das Herz einer großen, einer ewigen Liebe. Man ist immer Sohn. Und als Soldat ist man immer im Schoße seiner Mutter. Man ist daheim.
„Möhrchen sind alle.“ Der General hat nicht bemerkt, dass der Koch zurück gekommen ist. „Artillerieeinschlag im Lager.“
Eine Träne wagt sich vorsichtig auf das lange unbeweinte Terrain der Generalswangen. Zögernd gleitet sie die Biegung der Wimpern hinab, verharrt einen Augenblick an der Kante des Überhangs während sie jenes erregende Gefühl erfüllt, dass sich nur einstellt, wenn das Ziel einer Operation von gewaltiger Wichtigkeit endlich in Sicht ist. Dann lässt sie sich fallen und rinnt über die faltige Haut, dem Ende des Kiefers entgegen.
Der General wischt sich mit dem Hemdärmel eine Träne aus dem Gesicht. Er versucht nicht seinen Schmerz zu verbergen. Diese ist das Ende aller Dinge und dieser Mann, dieser Mann liebt ihn. Liebt ihn mit einer Liebe aus Wirsing und Möhrchen. Stolpernd macht er einen Schritt auf ihn zu.
„Mama, Ich vergebe dir. Ich liebe dich“ will er sagen. „Du bist meine Mutter. Ich kann es jetzt genau sehen. Und du riechst nach Jasmin.“
„Machen Sie mir ein Glas Wasser.“ ist was er sagt.
Der Koch holt ein Glas aus dem Schrank und hält es unter den Wasserhahn. Das Wasser ist hellrot. „Ich glaube die Leitungen sind beschädigt, Herr General. Ich hohle ihnen eine Flasche aus dem Kasino.“
„Nein. Bleiben sie hier.“ Die Stimme des Generals hat etwas verzweifeltes an sich. „Setzen sie sich.“ sagt er. „Ich muss sonst ohnehin nur wieder auf die Toilette.“
Ein Soldat öffnet die Türe, er hebt die Hand um zu salutieren. „Hit me Baby“ klingt es neben ihm durch die Tür als ein einsames Artilleriegeschoss sich diese Bitte zu Herzen nimmt.

Advertisements

~ von gedichtblog - 18. Januar 2012.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: