Die Müssenden

I. Das Tim-Patrik Lächeln
Anita hat zugenommen. Das wäre schon schlimm genug, aber sie will ihm auch keinen mehr blasen. Ihm ist klar, dass er es jetzt beenden muss. Jetzt, bevor die Sache noch weniger Porno wird. Am Anfang war das anders, aber als sie nach ein paar Monaten anfing, in seiner Gegenwart Burger und Pommes zu essen, hat er schon geahnt, wie das laufen würde. Wie das halt immer läuft. Und er hat recht gehabt. Nach einem Jahr Aufwand hat sich sein Investment in einen fetten, frigiden Fehlkauf verwandelt. Keine Garantie. So ist das nun mal. Da kann er auch nichts tun.
Er schreibt Anita eine SMS, in der er sie darüber informiert, dass sie sich verändert hat. Er liebe sie zwar, ist aber nicht mehr so richtig glücklich mit ihr. Sie ruft ihn an und weint. Er erträgt es, erklärt ihr nochmal, dass es an ihr liegt. Es geht einfach nicht, dass seine Freundin Größe L trägt. M, das wäre schon schlimm. Aber L ist nicht mehr drin. Er muss ja auch an seine Freunde denken, die sich ja auch mit ihr sehen lassen müssen. Geht halt nicht nur um ihn. Und jetzt passiert einem Übergewicht ja nicht einfach so, das holt man sich. Da kann man was gegen machen, sagt er und sie verspricht ihm, alles daran zu setzen. Er müsse auch gar nicht mehr ihr Freund sein, wenn sie nur heute Abend nochmal vorbei kommen dürfte. Sie muss an sich arbeiten, so viel ist klar. Aber heute Abend ist in Ordnung.
Sie kommt dann und hat schwarze Spitze am Slip und ihr BH hat Löcher, aus denen ihre Brustwarzen stehen würden, wenn ihr Brustwarzen stehen würden. Enttäuschend. Er fickt sie in den Arsch und das ist schon Porno und er fragt sich, ob er sie nicht doch vermissen würde. Danach will sie kuscheln, das ist ihm auch recht. Aber kuscheln ist natürlich bei jeder ein Feature. Vielleicht war er vorschnell gewesen und würde sein Investment doch nicht abschreiben müssen. In jedem Fall sollte er die Gelegenheit nutzen, sich umzusehen. Der Frauenmarkt ist ja groß, und man hat nie alle Informationen, die man eigentlich bräuchte.
Am nächsten Morgen macht sie Frühstück und er schickt sie nach Hause, bevor er an die Uni geht. Er muss noch in einen Kurs gehen, heute. Qualitative Methoden um zwölf. Da ist er eh schon nicht gut drin und deshalb hängt erst mal alles davon ab, in die richtige Arbeitsgruppe zu kommen. Zielorientiert setzt er sich dieses Mal neben die dicke Blonde mit der Brille und der Blümchenbluse. Ziegelmann oder so heißt die. Meldet sich ständig und die Professorin nennt sie dann so. Frau Ziegelmann. Sieht auch ein bisschen aus wie ein Ziegel. Nur runder. Er setzt sich hin und starrt ihr auf die Titten, bis er sich erinnert, dass sie ja hässlich ist.
Pädagogik hat er als Nebenfach gewählt , weil er davon ausgegangen war, dass dort das viele Girls und wenig Kerle sein würden. Außerdem war er davon ausgegangen, dass man da eh nur labern müsse. Labern, da ist er gut drin, und irgendein Nebenfach hat er ja gebraucht. Das war, bevor er gemerkt hat was für Frauen Pädagogik studierten. Keine drunter die so aussieht wie er sich das vorgestellt hat. Schwarze Haare, lange Beine in hohen Stiefel. Super sexy. Super Nanny. So hat er sich das vorgestellt. Aber jetzt bleibt ihm natürlich nur, das Beste daraus zu machen. Und wenn das Beste die dicke Blonde ist, dann ist das Beste wenigstens eine gute Note.
Man muss wissen was man macht. Informiert durch die Welt gehen. Wenn man sich ein neues Handy kauft, informiert man sich ja auch erst. Macht ja keinen Sinn, mehr als nötig auszugeben und man muss auf die Zukunft achten. Veraltete Technik bringt nichts. Da ärgert man sich dann nur, wenn man es gleich wieder ersetzen muss. So ist das mit Frauen auch. Und man braucht die Richtige für das jeweilige Problem und die richtige Herangehensweise für die jeweilige Frau. Die Dicke zum Beispiel, die ist die richtige für sein Methodenproblem, die wird er anlächeln und was nettes zu ihr sagen. Der passiert das ja eh nie, da schmilzt die gleich. Dann nach der Handynummer fragen. Oder nach ihrem Facebook Account. Dann hast du bei so einer eh schon gewonnen. Die gehört dir dann. Und wenn ihr in einer Arbeitsgruppe seit, dann setzt sie sich von alleine für dich ein.
Also setzte er sich neben sie. Hi, sagt er, ich bin Tim Patrik. Das Lächeln, das er jetzt auf hat, das sollte er sich patentieren lassen. Das ist ein Lächeln, das fräst sich direkt zwischen die Beine von Frauen und spielt da Marimba. Das ist ein Eine-Million-Euro Lächeln. Das Tim Patrik Lächeln. Und sie schaut nur kurz auf, von einem Buch, das Tim Patrik nicht kennt und nicht kennen will. Hi, sagt sie, rückt ihr Federmäppchen ganz auf ihre Seite des Tisches rüber und liest weiter.
Er holt sein Zeug raus. Kugelschreiber im Etui, Moleskin Notizbuch, Packung Zahnpflegekaugummi. Frau Ziegelmann, nicht wahr, fragt er. Ja, sagt sie und dann Nein danke, als er ihr einen Kaugummi anbietet. Er spielt mit dem Kugelschreiber herum. Holt ihn aus dem Etui, dreht ihn zwischen den Fingern, legt ihn zurück, holt ihn wieder heraus. Sieben, acht mal macht er das. Dann spricht er wieder. Hey, ich weiß gar nicht, wie du mit Vornamen heißt. Anita sagt sie. Das ist ein schöner Name, sagt er. Ja, sagt sie.
Anita. Das ist schon komisch, dass jetzt die dicke Blonde auch Anita heißt. So wie seine dicke Blonde. Er dreht sich weiter zu ihr um, starrt ihr in den Ausschnitt. Er muss an gestern Nacht denken, aber der Mund, in dem er in seinem Kopf ejakuliert, ist der von der anderen Anita. Anita Ziegelmann. Er rückt sich seinen halbsteifen Schwanz zurecht. Ihr Mund ist nicht geschminkt. Das fällt ihm auf, weil ihre Lippen irgendwie blass sind. Sie hat eine kleine Narbe über ihrer Oberlippe, wo heller Flaum in der Sonne glänzt. Sag mal Anita, hört er sich sagen, wollen wir nachher noch nen Kaffee trinken?
Sorry, sagt sie. Hab nicht aufgepasst. Was hast du gesagt? Das Buch klappt zu, auf der Rückseite ist das Photo einer Frau und irgendwas in Französisch. Tim Patrik schaut ihr ins Gesicht. Ähm, sagt er. Ähm. Sie hat große, grüne Augen. Kaffee, hast du Lust mit mir nen Kaffee zu trinken? Jetzt schmilzt sie gleich. Er wartet drauf, sieht es in ihren Augen, sieht, dass sie sieht wie gut er aussieht. Er holt sein Lächeln wieder raus. Sorry, sagt sie. Keine Zeit.
Er starrt sie an. Aber danke, sagt sie. Dann liest sie wieder und er starrt ihren Hinterkopf an. Sie trägt einen schwarzen Haargummi, aus dem einige lange, schwarze Fäden herausstehen. Am Hals, unter ihrem rechten Ohr, hat sie einen kleinen, roten Pickel. Tim Patrik starrt auf den Pickel, als würde der jeden Augenblick explodieren. Langsam realisiert er, dass sie ihn gerade hat abblitzen lassen. Langsam wird ihm klar, dass sie ihm nicht helfen wird. Langsam. Er muss etwas tun. Etwas, dass die Dinge wieder richtig rückt. Etwas entschiedenes. Etwas, dass ein Tim Patrik tun würde. Er steht auf und geht pissen.
Als er zurück kommt, sitzt eine Kleine, ohne Titten, aber mit viel zu großer Brille, neben Anita Ziegelmann. Sein Zeug hat sie einen Platz weiter geschoben. Er hebt sein Kugelschreiber Etui auf, aber dann fällt ihm ein, dass er jetzt nicht einfach gehen kann. Es muss hier sitzen. Mit dieser kleinen, grauen Maus zwischen ihm und Anita Ziegelmann. Er versucht, nicht zu versuchen, an der Brillenschlange vorbei zu Anita Ziegelmann zu schauen. Den Leuten hinter ihm kann es nicht entgehen, wenn er sich verrenkt. Anita Ziegelmann müsste es auch es bemerken, aber Anita Ziegelmann schaut nach vorne, zur Dozentin und manchmal schreibt sie Zettel mit der Brillenschlange.
Tim Patrik will wissen, was auf den Zetteln steht. Tim Patrik weiß, dass sie über ihn reden. Die Brillenschlange ist in ihn verliebt. Das ist der einzige, vernünftige Grund warum Anita Ziegelmann nicht mit ihm Kaffee trinken will. So Freundinnenscheiß. Er versucht der Brillenschlange auf die Titten zu starren, aber sie hat keine und Anita Ziegelmanns Titten sind zwischen Armen und Ärmeln hindurch nur vage auszumachen. Dann heben beide Mädchen einen Arm und er hat wieder einen guten Blick auf die großen, weichen Brüste von Anita Ziegelmann.
Irgendwann hört er seinen Nachnamen und sieht auf. Die Dozentin sieht ihn fragend an, er sieht fragend zurück. Aber mitmachen wollen sie schon, fragt die Dozentin. Ja klar, sagt er. Wir haben zwei Arbeitsgruppen, in denen noch Platz ist. Frau Küppers, Frau Schmiedke und Herr Küppeler oder Herr Lobrowiska und Frau Kurek, sagt sie. Ja, sagt er. In welche Gruppe wollen sie denn? Frau Ziegelmann, denkt er, sie hat Frau Ziegelmann vergessen. Das sind alle, fragt er die Dozentin und die erklärt ihm, dass das alle sind, in denen noch Platz ist. Vier Leute pro Gruppe. Mehr nicht. Er nimmt die erste Gruppe, weil die größer ist.
Dann stehen alle auf und sammeln sich in den kleinen Arbeitsgruppen. Er schaut beim Aufstehen zu Anita Ziegelmann, zählt drei Ohrringe an ihrem linken Ohr und stößt sich das Knie an der Tischkante. Fuck, sagt er. Sagt er zu laut. Anita schaut in an, und die Brillenschlange auch. Alles Ok, fragt die Brillenschlange. Anita lacht. Leise und kurz, aber sie lacht. Tim Patrik ist übel. Er stellt sich unwillkürlich vor wie er sich über die braune Strickjacke der Brillenschlange übergibt. Er stellt sich vor, wie Anita Ziegelmann über ihn lacht. Mit wogenden Brüsten, durch den ungeschminkten Mund, die großen grünen Augen halb geschlossen. Passt schon, glaubt er zu sagen und dann schlängelt er sich, so gut er kann, aus den Sitzreihen. Erst auf dem Klo fällt ihm ein, dass er sich nicht mit seiner Arbeitsgruppe getroffen hat.
Er geht also zurück, aber im Seminarraum ist keiner mehr. Er ruft den Daniel an, trifft sich mit ihm an der Mensa. Daniel hat Anita, seine Anita, die alte Anita dabei. Ihr Make-Up ist verwischt und ihre Haare sitzen nicht richtig. Sie umarmt ihn, aber er weicht ihrem Kuss aus. Sie muss sich schon mehr anstrengen, bis er sie in der Öffentlichkeit küsst, aber an den Arsch greift er ihr kurz, damit sie weiß, dass sie noch ihm gehört, irgendwie. Sie reden über die Fachschaftsparty am Wochenende. Daniel ist in der Fachschaft. Tim Patrik ist bei der Christlich Demokratischen Studentengruppe. Die machen auch Parties, aber da geht keiner hin. Er ist da eh nur, weil sein Vater in der Partei ist und das gut im Lebenslauf aussieht.
Es gibt Hackbraten und Daniel redet über Unipolitik und Anita sagt nicht viel. Tim Patrik ist nicht bei der Sache. Er denkt an die neue Anita, aber er denkt nicht über sie nach. Dann fragt er sich, ob er sich an die Brillenschlange ran machen muss. Er muss nicht. Und dann stehen alle drei auf und bringen ihre Tabletts zurück. Die alte Anita fragt ihn ob er noch einen Kaffee mit ihr trinken will. Sorry, sagt er, keine Zeit, ich muss noch was lesen, für Marketing.
Aber das ist gelogen. Er liest nie was für Marketing und Anita weiß das, weil Anita ihm immer alles erklären muss. Ok, dann bis heut Abend, sie versucht es als Feststellung zu sagen, aber eigentlich ist es eine Frage. Er sieht sie mit diesem kritischen Blick an, den sie mag, ohne dass sie versteht warum, weil sie sich dabei immer so fühlt, als würde sie gewogen und für zu leicht befunden. Sie will ihm gefallen, also lächelt sie. Dann lächelt er. Dieses aufgesetzte Lächeln, mit dem er am Anfang versucht hatte, sie rum zu kriegen. Sie hätte ihn damals fast abblitzen lassen, wegen dem Lächeln, aber er hatte etwas an sich, das sie mochte. Hübsch ist er auch und gut angezogen. Man merkt, dass er wo her kommt. Und deshalb hat sie sein Lächeln ignoriert. Aber jetzt stört es sie. Jetzt sitzt es zwischen ihnen wie ein zahniger Abgrund und sie sieht darin alles, was er ihr angetan hat, jede Beleidigung und alles, das er von ihr verlangt hat. Und sie fragt sich, was sie noch tun muss, damit er sie liebt. Ja, komm vorbei, sagt er und lächelt immer noch. Und sie sagt Ok.
Den Nachmittag verbringt sie mit Daniel. Sie trinken Kaffee, reden über die Occupy Bewegung, Daniel überzeugt sie, zur Fachschaft zu kommen, es zumindest mal auszuprobieren. Dann setzen sie sich auf die Steine in der Wiese neben der Mensa. Es ist der erste warme und sonnige Tag des Jahres. Übrig gebliebenes Grün leuchtet zwischen all dem Braun und dem Grau der Uni. Sie reden über Musik. Daniel mag Jazz, sie eher R&B und deutschen Hip Hop, aber manches finden sie beide gut. Anita ist entspannt und sie mag es, dass die Sonne wieder da ist. Sie muss an diesem Nachmittag fast nie an Tim Patrik denken. Dann geht die Sonne unter und sie muss nach Hause, um sich für heute Abend herzurichten. Daniel umarmt sie zum Abschied, Tschüss, sagt sie und geht.

II. Der Make-Up Kurs
Im Bus sitzen ihr zwei hässliche Mädchen gegenüber, Grundschullehramt wahrscheinlich. Die eine ist fett und blond und hat eine viel zu enge Bluse an, die sich über ihre Wülste spannt und die ihren Busen obszön ausstellt. Die andere ist unscheinbar, total dürr und ihre Klamotten sehen aus wie die Klamotten von alternativen Grundschullehramtlerinnen eben aussehen, labbrig und selbstgestrickt. Dann hat sie auch eine Brille auf, die versucht Sixties zu sein aber nur billig aussieht und außerdem ist Sixties eh out. Beide sind ungeschminkt und wahrscheinlich unrasiert, zumindest die Blonde hat einen Bart. Hippies eben. Die haben sicher auch Achselhaare und Pelz zwischen den Beinen. Anita glaubt dass sie stinken. Sie schnüffelt und ja, genau, das müssen sie sein.
Irgendwann bekommt Anita mit, dass sie über einen Typen reden, der die Fette anmachen wollte und sich wie ein Idiot benommen hat. Liegt ja auf der Hand, nur ein Verlierer und Idiot würde diesen Wal anmachen. Als sie über sein billiges Playerlächeln reden, muss Anita an Tim Patrik denken und an heute Abend. Sie schaut aus dem Fenster und ihr Bauch beginnt sich zu verkrampfen.
Ein paar Haltestellen später, sieht sie die beiden Lehramtlerinnen draußen vorbei gehen. Sie halten Händchen. Dann fährt der Bus weiter, fährt an einer Schule vorbei und Anita sieht wieder vom Fenster weg. Ihr gegenüber sitzt jetzt ein altes Paar, dass sich leise und ruhig unterhält, aber was sie sagen geht im allgemeinen Lärm unter. Anita denkt an Tim Patrik und dann kommt ihre Haltestelle und sie drängt sich durch die Fahrgäste bis sie in der kalten Nachtluft steht. Menschen streben von ihr weg, in viele Richtungen, aber Anita bleibt stehen, sieht dem Bus nach, in dem das alte Paar noch sitzt. Sie stellt sich vor, dass sie sich leise und ruhig unterhalten, wie sie es schon seit Jahrzehnten tun. Erst als sie den Bus nicht mehr sehen kann, geht sie los. Nach Hause.
Ihr Mitbewohnerin ist nicht da, also zieht sie sich aus und geht duschen. Sie rasiert sich, frisiert sich und sitzt dann nackt an ihrem Schminktisch. Ihr Spiegelbild will ihr sagen, wie hübsch sie sein wird, wie viel hübscher als die zwei aus dem Bus. Weil sie das richtige Make-Up hat und weiß wie man es benutzen muss. Weil sie weiß, dass man mindestens drei mal in der Woche laufen muss, wenn man an zwei anderen Tagen ins Fitnesscenter geht. Sonst öfter, aber so ist das besser. Es wäre wahrscheinlich noch besser drei oder vier mal ins Fitnesscenter zu gehen, aber sie muss auch lernen, also lässt sie es, obwohl sie es müsste.
Sie hat einen Kurs bei einem echten Make-Up Artist gemacht, und der hat ihr das Make-Up, das sie jetzt benutzt, empfohlen. Sie beginnt die Schichten aufzutragen. Schon bei der Foundation plant sie, was sie heute noch essen wird. Es sollten noch Nudeln da sein, aber nach dem Hackbraten muss sie sich zurück halten. Also Salat, da hat sie noch eine Packung, fertig gemischt, Rucola, Feldsalat, Chicorée und Karotten. Vielleicht ein paar Schinkenwürfel dazu. Balsamico, wenig Öl. Sie muss ein paar Mal nachbessern, bevor sie perfekt geschminkt ist. Dann macht sie sich an den Salat, aber die Mischung ist abgelaufen, also isst sie einen fettarmen Joghurt, bevor sie mit dem Bus zu Tim Patrik fährt.
Als sie wieder aus steigt, hat es zu nieseln begonnen. Sie beeilt sich, damit ihre Haare nicht zu nass werden. Die Tür des Hochhauses, in dem Tim Patrik sich mit einem angehenden Literaturwissenschaftler eine WG für drei Leute teilt, liegt vor ihr wie ein schwarzes Loch. Sie klingelt und das Licht geht an und das Loch wird ein Treppenhaus.
Als er die Tür öffnet, hat Tim Patrik eine Jogginghose an und er riecht nach Bier. Sie schauen sich einen Film mit Tom Cruise an. Anita kuschelt sich an ihn, bis er seinen Arm um sie legt. Er knabbert Chips und holt sich zwischendurch ein neues Bier und als der Film vorbei ist, gehen sie in sein Zimmer. Sie zieht sich aus, er spielt an ihren Brüsten, fasst ihr zwischen die Beine, dann bläst sie ihm einen und er sagt ihr sie soll Hündchen machen.
Sie muss an das alte Paar im Bus denken und wird traurig als er seinen Schwanz in ihren Arsch schiebt. Das tut ihr immer weh, aber sie weint nicht, dass würde ihn stören. Man muss so was ohne Zicken machen, als Frau, wenn man so einen Mann wie Tim Patrik halten will. So ist Sex eben. Er grunzt und inzwischen hat es aufgehört weh zu tun. Sie hofft, dass er ihr auf den Busen spritzen will. Nicht in ihren Arsch, davon bekommt sie immer Krämpfe.
Tim Patrik fickt die alte Anita in den Arsch, aber in seinem Kopf fickt er Anita Ziegelmann. Er muss an ihre Titten denken und krallt sich in die Hüften, an denen der Arsch hängt, in dem sein Schwanz steckt. Dann kommt es ihm und er kann es gar nicht richtig genießen, weil Anita Ziegelmann ihn auslacht und er auch noch denkt, dass er ihr, der anderen ihr, hätte in den Mund spritzen müssen. Das wäre Porno gewesen und weil ihr ja das Schlussmachen droht hätte sie mitgemacht. Auch egal ob sie das bereut hätte, er macht ja eh bald Schluss. Er sieht auf den Rücken, der, vor ihm ausgestreckt, fast schlank wirkt und er sieht, dass die alte Anita einen Pickel auf ihrem rechten Schulterblatt hat. Einen roten Pickel, mit einer weißen Spitze und er ekelt sich, weil sie sich einfach keine Mühe gibt. Was wäre denn, wenn sie heute Abend weg gegangen wären, sie was schulterfreies getragen hätte. Er mag Schulterfreies. Dann hätten sich alle gedacht, dass er sich keine Freundin leisten kann, die auf sich Acht gibt.
Er hört sie weinen und als er seinen Schwanz heraus zieht, weiß er, dass sie jetzt gehen muss.

III. Die Regentropfen der Nacht
Anita weint, obwohl sie nicht weinen muss. Anita weint für Tim Patrik. Tim Patrik, der ihr gegenüber sitzt, auf der anderen Seite des Wohnzimmertisches. Und dazwischen liegen Chipstüten und und stehen Bierflaschen. Sie hat ihm gesagt, dass sie alles für ihn tut und er schweigt jetzt. Sie fragt sich, ob sie es sagen soll und dann bricht es wie ein leeres Blatt Papier aus ihr hervor. Ich liebe dich, sagt sie und Tim Patrik zuckt. Hör mal, hört sie ihn sagen, du kannst das halt grad nicht. Und weil sie jetzt eine Reaktion bekommen hat, wedelt sie weiter mit ihrem leeren Blatt herum. Liebst du mich auch, fragt sie und er schweigt wieder und sie weint wieder. Jetzt geh schon, hört sie ihn sagen. Es wird schon hell.
Als sie dann draußen vor der Türe steht, ist es Tag und es hat aufgehört zu regnen. Sie geht zur Bushaltestelle, der Bus geht in fünfzehn Minuten und nach zwei Minuten entschließt sie sich zur nächsten Haltestelle zu gehen. Dort angekommen muss sie noch fünf Minuten warten. Sie geht weiter. Irgendwo auf halber Strecke fährt der Bus an ihr vorbei. Langsam wird es wirklich Frühling, das Sonnenlicht glänzt in der Regentropfen der Nacht und das Gras neben der Straße ist grün, erste Blumen stehen weiß dazwischen, während die Bäume darüber ihre nackte Rinde trocknen.
An einer Tankstelle kauft sie sich ein Snickers, weil sie ja weiß, dass Weinen und Sex viele Kalorien verbrennen. Außerdem erscheint es ihr jetzt angemessen und für Schokoladeneiscreme ist es zu kalt.
Tim Patrik sitzt in einem Café und kaut auf einem Croissant herum. Was jetzt tun. Die Sache mit Anita Ziegelmann ist ja in die Hose gegangen, die alte Anita hat er endlich erfolgreich abgeschossen aber damit sind seine Probleme nicht gelöst. Erstens braucht er eine neue Freundin und zweitens muss er den Methodenkurs bestehen. Svenja, die Ex von Theo? Hübsch, aber wahrscheinlich zu konservativ um porno zu sein. Die kleine Schwester von Linda vielleicht. Die kennt er auch kaum. Er behält sie im Hinterkopf. Nur Linda ist da vielleicht ein Problem. Linda ist die Vorsitzende vom örtlichen CDSB und wenn er in den studentischen Konvent kommen will, was gut im Lebenslauf aussähe, dann muss Linda ihn auf die Liste setzen. Vielleicht Linda selbst? So weit Tim Patrik sich erinnern kann, ist die mit einem Jura Doktoranden zusammen. Schwer damit zu konkurrieren. Also doch eher die kleine Schwester. Dann denkt er an Anita Ziegelmann und er schlingt den Rest vom Croissant runter.
Auf dem Weg zur Universität bekommt er eine SMS. Daniel. Paar Tage in den Bergen gefällig? Kai Ludwig feiert seinen Bachelor auf der Hütte seines Vaters. Bock? Klar hat er Bock drauf. Und Daniel schreibt zurück, das wär vom 1. bis zum 4. April. Er wird Kai Ludwig sagen, zwei Plätze frei zu halten. Der zweite natürlich für Anita. Einer reicht, schreibt Tim Patrik, hab mit Anita Schluss gemacht. Krass, antwortet Daniel.
Tim Patrik holt sich bei der Dozentin die Namen und E-mail Adressen seiner Arbeitsgruppe und erfährt etwas später, dass man sich im Moment gerade trifft. Er kommt also spät dazu und schon kotzen ihn die Leute an. Zicken herum, weil er gestern einfach weg war und heute erst spät kommt. Dann gehts um Interviews und e-Learning und er lässt die drei reden. Irgendwann einigen sie sich auf Fragen und inzwischen hat Tim Patrik mitbekommen, dass jeder von ihnen ein Interview mit einem Teilnehmer eines e-Learning Projekts machen soll. Auch Studenten. Vielleicht, denk er, ist da ja was Süßes dabei. Am Schluss hat er sich halbwegs gemerkt wer wer in der Gruppe ist und sie machen ein weiteres Treffen für Übermorgen aus.
Und weil ihn das alles so nervt, geht er erst mal einkaufen und abends dann trinken. Mit Kai Ludwig und Daniel und irgendwann, als die Sonne wieder aufgeht, liegt er in einem fremden Bett, in einem Zimmer, in dem es nach Räucherstäbchen riecht. Er liegt da, mit einem Pariser an seinem schlaffen Schwanz und er schaut die Blondine, die im Schneidersitz neben ihm hockt, nicht an. Es ist alles ihre Schuld, dass ihm mittendrin der Ständer zusammen gefallen ist, dass er nicht tun kann, was er tun muss. Wahrscheinlich ist es Anita Ziegelmanns Schuld. Aber die ist nicht hier. Nur die andere Blonde. Nicht ganz so fett, aber fett genug, dass es ihre Schuld ist.
Tim Patrik fühlt sich scheiße. Er hätte die nie abschleppen sollen. Ist doch kein Wunder, dass ihm bei der hässlichen Schlampe die Lust vergangen ist. Und er fühlt sich billig. Er hätte was besseres kriegen können. Aber im Suff, im Suff da hatte die Blonde ausgesehen wie Anita Ziegelmann und solange er ihr nur auf die Titten gestarrt hat, da war es fast so, als wäre sie Anita Ziegelmann. Aber nichts da. Im Dunkeln, als er sie nur gespürt hat, da war ihm wieder eingefallen, dass da nicht Anita Ziegelmann unter ihm lag und dass Anita Ziegelmann ihn hat abblitzen lassen und an die alte Anita und jetzt geht nichts mehr.
Das passiert jedem mal. Und als er die Blonde das sagen hört, die hässliche, fette Blonde in deren Bett er, keine Ahnung wie, in geistiger Umnachtung und Vollsuff gelandet war, die nutzlose Kuh, die sich darüber freuen sollte, von einen Tim Patrik auch nur angesehen zu werden, da macht etwas Klick in ihm. Er reißt sich hoch und beginnt zu schreien. Schreit sie an, weiß gar nicht was er da schreit, nennt sie Anita und weiß nicht warum, schreit ihr entgegen, wie hässlich sie ist und dass es kein Wunder ist, dass einem der Ständer einbricht, wenn man so was sieht und dass er so etwas wie sie gar nicht nötig hat und er schreit und schreit, nennt sie Wal und Schlampe und wieder Anita und natürlich passiert das allen Kerlen, die mit ihr zu ficken versuchen und sie dann nackt sehen. Und dann versucht er sich das Kondom runter zu ziehen, aber es hängt in seinen Schamhaaren und es ist schmerzhaft und weil er noch immer besoffen ist stellt er sich lange genug blöd dabei an um zu sehen, dass Anita sich in eine Ecke verkrochen hat und an Unmengen von Decke geklammert heult und schluchzt.
Und er starrt sie an. In seinem Kopf ist es still, aber es ist die Stille von schleichenden Gedanken, die er nicht denken will und die trotzdem da sind. Er starrt sie an und da sind schwarze Schlieren auf ihren Wangen. Ihr Schultern gehen auf und ab. Er starrt sie an und will Sorry sagen oder Hör auf zu Heulen oder irgendetwas, aber wenn er etwas sagt, egal was, dann muss er den Gedanken denken, der in seinem Kopf herum schleicht und das muss er verhindern. Also starrt er sie an und sie weint und sieht ihn nicht wie er geht.

IV. Leelo
Anita liegt im Bett. Sie ist früh wach aber sie hat gut geschlafen. Dass Zimmer liegt in gelbem Licht ausgebreitet vor ihr. Die Sonne ein heller Fleck auf ihrem gelben Vorhang. Es ist warm unter der Decke und kuschelig und weil sie sich leicht fühlt, fasst sie sich zwischen die Beine. Sie spürt sich und lächelt. Schließt die Augen. Eine Welle unter der Decke. Irgendwann greift sie nach dem Leelo in ihrem Nachtkästchen und läßt sich von der Welle tragen bis es ganz Tag geworden ist.
Viel später vibriert ihr Telefon und es ist eine Nachricht von Daniel. Sorry, schreibt er, wegen Tim. Habs gestern gehört. Wenn du jemand brauchst… meld dich einfach. Sie drückt die Nachricht weg, ihr Bauch macht Anstallten sich zu verkrampfen. Dann steht sie auf, geht aufs Klo.
Tim. Sie hat ihn nie Tim genannt. Für sie war er immer Tim Patrik. Tim. Das klingt seltsam. Tim Patrik ist der Mann den sie liebt. Sie glaubt, dass sie weinen muss, aber sie lässt es dieses mal. Tim Patrik. Sie starrt auf das Klopapier in ihrer Hand, aber weil sie nicht geweint hat, muss sie sich nicht die Nase putzen. Tim Patrik ist eigentlich ein ziemliches Arschloch. Also schreibt sie ihm eine sms um ihm das zu sagen.
Während sie schreibt denkt sie nach, warum sie ihn liebt. Natürlich sieht er gut aus. Aber das ist es nicht. Zumindest nicht alles. Er ist sehr selbstsicher, aber eigentlich ist das nur Überheblichkeit. Er kann witzig sein, aber meistens macht er nur die Witze von denen er sich sicher sein kann, dass sie gut ankommen. Er hat Geld und er wird bald viel mehr Geld haben, aber eigentlich ist ihr das gar nicht wichtig. Es ist vielmehr so, als hätte sie ein Tim Patrik-förmiges Loch in ihrem Leben gehabt, und Tim Patrik hatte da gut hinein gepasst. Und jetzt versucht sie es mit der Vorstellung eines Tim zu stopfen, aber Tim passt nicht. Langsam bekommt sie das Gefühl, dass das Loch nicht mehr da ist, oder doch noch da ist, aber nicht Tim-förmig, auch nicht mehr Tim-Patrik-förmig oder einfach kleiner als früher.
Am Frühstückstisch steht da immer noch „Du bist ein Arschloch“ auf ihrem Handy. Nach dem ersten Bissen löscht sie es dann.
„Ich habe gerade gemerkt, dass ich dich nicht mehr brauche. Machs gut.“ schreibt sie statt dessen.

Advertisements

~ von gedichtblog - 1. Februar 2012.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: