Am Strand

Ich kniete am Strand und der Kies bohrte sich in meine Haut. Mal zog mich die Brandung in Richtung Meer, dann wieder schob sie mich in Richtung der schwarzen Felsenklippen. Salz kroch in die vielen kleinen Schnitte an meinen Beinen und tauschte mit etwas Blut den Platz. Ich sprach in jenem gebrochenen Flüstern, in dem die sprechen, welche dem Verfall überantwortet sind und dies erkannt haben.
Ich sagte:
„Hier knie ich, wie schon viele vor mir gekniet haben. An fernen Gestaden, bei anderen Meeren, im Auf und Ab anderer Gezeiten gefangen, zwischen Felsen von denen ich nie wissen werde. Manche hatten zur Zuflucht nicht Felsen und Kiesel, sondern Sand und fruchtbare Wälder erstreckten sich jenseits des kleinen Streifen Strandes, der der ihre war.
Blickten sie, wie ich, den langen Verlauf des Strandes entlang? Sahen sie Fußspuren, die sich in uneinsehbarer Ferne verloren? Einige tief in den Sand oder den Kies eingedrückt, andere flach und kaum zu erkennen. Manche frisch und klar, mit scharfen Konturen und manche von Wind und Brandung abgeschliffen und ausgefüllt und wieder andere nur mehr zu erahnen, längst verschwunden ohne Spuren hinterlassen zu haben.“
Ich glaube in einigen wenigen dieser Abdrücke Spuren von Blut zu sehen und ich stelle mir vor, das ich nicht der erste bin, der hier kniet und Blut gegen Salz eintauscht und dass andere Leiber schon die gleichen Wunden trugen.
Die See erhob sich und zeigte mir ein Gesicht in der sprühenden Gischt. Sie nahm mein Blut, ein bleiches, rotes Band, auf und bevor noch meine Augen ihm folgen konnten, war es in ihrer Weite verloren, dieses Beinahe-Nichts, das aus mir gekommen war.
Ich schrie laut und weinte, verzweifelt nach einer Antwort verlangend, nach einem kleinen Wort, schrie laut und weinte, verzweifelt nach einer Antwort verlangend, nach einem kleinen Wort, nach einen winzigen Beweis, dass meine Anwesenheit für die See einen Unterschied machte.
Ich schrie in das Wogen der Brandung bis mein Rachen schmerzte, aber sie bliebt still. Der einzige Laut, der auf mein Verstummen folgte, war das Rauschen der Flut über den Steinen als die Nacht begann.
Und so erhob ich mich. Ein paar der Kiesel, die sich fest in meine Haut gedrückt hatten, blieben bei mir, in den kleinen Tälern und flachen Wunden an meinen Beinen. Ich wand mich ab von der See und von den Felsenklippen und von den beiden Kuhlen, die sich dort, wo ich gekniet hatte, langsam mit Wasser füllten. Und da ich sonst nicht zu tun hatte ging ich den Strand hinab. Zwischen den alten und jungen Fußabdrücken, den klaren und scharfen und den verwaschenen und den kaum zu erahnenden ging ich entlang.
Ich war ja am Leben.

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~ von gedichtblog - 14. Mai 2013.

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