Der Selbstmörder

Ich habe 124 Selbstmordversuche hinter mir. Ich möchte sie nicht mit den Details langweilen, deshalb werde ich es bei einem kurzen Überblick belassen. Angefangen habe ich aus hinfälligen Gründen. Damals war Ölkrise und ich hatte meine Arbeit verloren. Wenige Wochen zuvor hatte mich meine damalige Freundin für einen Parteifunktionär verlassen. Ich hatte ein schlechtes Verhältnis zu meinen Eltern. Ich war adoptiert. Kurz, es war die natürlichste Sache der Welt sich umzubringen. Ich kaufte mir Schlaftabletten und nahm eine ganze Packung ein. Ich schlief 94 Stunden und erwachte sehr durstig. Der zweite Versuch folgte fast direkt darauf. Ich sprang von einem Hochhausdach. Dabei brach ich mir beide Arme, mehrere Rippen und ein Bein. Das schränkt die Möglichkeit weiterer Versuche etwas ein. Ich lies es also vorerst bleiben.
Einige Monate später bekam ich eine neue Anstellung in einer Werbefirma. Am Abend des ersten Arbeitstages, ich hatte wieder etwas erreicht, sah ich die Zeit gekommen, es ein weiteres Mal zu versuchen. Ich schnitt mir in einer angenehm warmen Badewanne die Pulsadern auf. Allerdings fand mich meine Schwester dort noch vor meinem angedachten Dahinscheiden. Sie war ganz aufgeregt gewesen, dass der persönliche Referent des Bundeskanzlers ein Spion war, und wollte unbedingt mit mir reden. Leider war ich dazu in keinerlei Verfassung mehr.
Und so ging es weiter. Mein Leben schlug die üblichen Haken und von Zeit zu Zeit versuchte ich mich umzubringen. Manchmal plante ich den Selbstmord akribisch. Ich las Bücher über Gifte und brachte mir selbst gerade genug Chemiekenntnisse bei, um zu Hause das herzustellen, was ich benötigte. Ich erlernt die Schreinerei, zunächst um mir einen Galgen zu bauen, nachdem mir einmal ein Ast abgebrochen war. Dabei fand ich eine gewisse Freude daran und begann kleine Figuren von dicken Frauen zu schnitzen.
Manchmal versuchte ich es auch spontan. Beim Schnitzen hat man ja immer ein Messer zu Hand und ich arbeitete zeitweise als Ausfahrer, was mir die Gelegenheit gab ein paar Unfälle – Bäume, ein Brückenpfeiler und einmal der Straßengraben – zu provozieren. Irgendwann wollte mich niemand mehr als Fahrer anstellen und so gingen mir diese Gelegenheiten verloren.
Da ich über eine gewisse Kreativität verfüge, ging ich bald andere Wege. Ich kletterte in das Löwengehege unseres kleinen Tierparks. Die Löwen zeigten keinerlei Interesse an mir, aber ich saß fest und musste die Nacht dort verbringen. Es war ungemütlich und begann irgendwann zu regnen. Morgens halfen mir einige aufgeregte Tierpfleger hinaus. Man zeigte mich wegen Tierquälerei und Hausfriedensbruch an. Nachdem mehrere Tierärzte festgestellt hatten, dass den Löwen nichts fehlte, wurde ich der Tierquälerei für nicht schuldig befunden. Wegen Hausfriedensbruchs erhielt ich eine Geldstrafe.
Irgendwann, fiel mir dann doch auf, dass es seltsam war. Ich hatte bis zu jenem Tag 21 Versuche hinter mir gehabt, und keiner war erfolgreich gewesen. Also versuchte ich es mit der wissenschaftlichen Methode. Ich begann meine Versuche zu protokollieren und die Frequenz deutlich zu erhöhen. Hatte ich für die ersten 21 noch ein ganzes Jahrzehnt benötigt, so brauchte ich für die nächsten 102 nur drei Jahre. Ich begann Nachforschungen anzustellen um auch ungewöhnliche und esoterische Methoden zu finden, die ich alle ausprobierte, die meisten mehrfach. Niemals klappte es. Ich erlebte Ladehemmungen, plötzliches Motorversagen, gerissene Seile, rechtzeitige Rettungen und eine Reihe eigentlich recht angenehme Halluzinationen.
Ich hatte auch zum ersten Mal in meinem Leben das Gefühl wirklich etwas sinnvolles zu tun. Ich war ja immerhin ein wissenschaftlicher Pionier. Im Laufe der Zeit begann ich mein ganzes Leben darauf auszurichten. Es brauchte oft einige Vorbereitungen um meine Versuche zu ermöglichen. Ich suchte mir also gezielt Tätigkeiten, die mich in die Nähe von benötigten Substanzen oder Maschinen brachten. Ich hatte ja bereits einiges gelernt über diese Dinge und konnte dieses Wissen nun gewinnbringend einsetzen.
So vergingen die glücklichsten Jahre meines Leben, während sich meine Forschungstagebücher füllten. Ich dachte damals wirklich, dass ich der Menschheit einen Dienst erweisen würde. Im mindesten aber hatte ich eine gewisse Erfüllung gefunden, ich hatte Freude an meinen Selbstmordversuchen, sie gaben meinem Leben einen Sinn.
Diese Zeit aber ging zu Ende. Ich stellte meine Versuche ein, nachdem jemand durch mich zu Tode gekommen war. Ich hatte geplant, mir an der Oberleitung einer Bahnstrecke einen elektrischen Schlag zuzufügen. Zu diesem Zweck hatte ich lange Kupferstangen angefertigt und mich dann mit nassen Socken auf die Gleise gestellt. Just in jenem Moment, als die Stangen die Oberleitung berührten traft die ganze Stadt ein Stromausfall. Ich machte mir einige fachliche Notizen und kehrte nach Hause zurück. Dort fand ich im Treppenhaus vor meiner Wohnungstüre die Leiche meiner Nachbarin. Sie war eine liebenswerte ältere Dame gewesen, die im Appartement über mir wohnte und mich regelmäßig mit selbst eingelegten Gurken und hausgemachtem Marmorkuchen versorgte. Die Scherben eines Gurkenglases waren um sie herum verstreut und mit dem Gesicht war sie geradewegs auf einige größeren Scherben gefallen. Sie muss zum Zeitpunkt des Stromausfalls mit einer Gurkenlieferung auf dem Weg zu mir gewesen sein und war dann im Dunkeln auf der Treppe gestürzt. In der Tat hatte ich sie umgebracht, das war mir sofort klar geworden. Dieses Erlebnis stürzte mich in schwere Depressionen, so dass ich jahrelang an Selbstmord nicht einmal denken konnte.
Ich verbrachte diese Zeit größtenteils in psychologischer Behandlung. Man konnte sich nicht auf eine einheitliche Diagnose einigen und sprach von Wahnvorstellungen und zwanghaftem selbstverletzendem Verhalten. Ich versuchte den Ärzten mein eigentliches Problem, also die Sache mit der alten Dame, zu erklären, aber diese Versuche blieben weitestgehend erfolglos. Man konzentrierte sich auf meine Selbstmordversuche, glaubte mir jedoch nicht, wie viele es gewesen waren. Ich hatte zwar meine späteren Versuche ausgiebig protokolliert, aber man ging davon aus, dass ich mir das alles ausgedacht hätte. Glücklicherweise konnte ich eine relativ große Anzahl an Versuchen durch meine Krankenakte und mittels Zeugenaussagen nachweisen. Das waren insgesamt 67, also etwas mehr als die Hälfte.
Am unangenehmsten bei der ganzen Sache war, dass ich nicht mehr schnitzen durfte. Die Ärzte hatten gewisse Sorgen mir scharfe Gegenstände anzuvertrauen. Ich hätte vielleicht auch gerne geschrieben, aber Kugelschreiber und Bleistifte und vor allem Füllfederhalter waren meinen Aufpassern ebenfalls zu gefährlich. Ich fügte mich in mein Schicksal und spielte pädagogische Spiele mit wunderlichen Menschen, die ganz klar nicht mehr alle beisammen hatten, wie meine Pflegerin sich auszudrücken pflegte.
Den Kontakt zu meiner Familie hatte ich schon länger aufgegeben. Mir war bewusst, dass sie durch meine Versuche unnötigem und wahrscheinlich auch ungesundem Stress ausgesetzt wären und meine Schwester hatte, nach der Episode mit der Badewanne, gewisse Schwierigkeiten mir in die Augen zu sehen. Dementsprechend besuchten sie mich während meiner Zeit in der Anstalt nur zwei Mal. Einmal zu meinem Geburtstag, aber sie hatten keinen Kuchen mitgebracht und einmal um mir mitzuteilen, dass mein Vater gestorben war.
Nach etwas zwei Jahren begannen die Ärzte, vor allem durch die Fürsprache der Pfleger, einzusehen, dass ich keinerlei weitere Selbstmordversuche unternehmen würde. Dass ich einfach eingesehen hatte, dass es nicht funktionieren würde, hatte ich zu jenem Zeitpunkt zu verschweigen gelernt. Auch die alte Dame erwähnte ich kaum mehr. Ich hatte schnell gelernt, was die Ärzte hören wollten. Dies ermöglichte mir, als ich dann Lust hatte, einmal wieder hinaus, beispielsweise in den Zoo zu gehen, sie davon zu überzeugen, dass es gänzlich ungefährlich wäre. Ich verbrachte ab diesem Zeitpunkt viele Sonntage vor dem Erdmännchengehege, wobei ich oft summte und manchmal ein Softeis aß.
Die Tage zogen dahin und ich verstaute sie in einem kleinen, dünnen Buch. Ich schrieb an jedem Tag ein Wort in das Buch, solange bis es voll war. An diesem Tag ging ich durch die Tür hinaus und kam nie wieder zurück.

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~ von gedichtblog - 14. Mai 2013.

2 Antworten to “Der Selbstmörder”

  1. Hut ab – großartige Leistung! Merci. :) Verbundene Grüße http://kallisti-dichtet-belichtet.over-blog.com/

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