Ein Teil von jener Kraft

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Ein Teil Von Jener Kraft

von Thomas A. Jahnke

Orte:

Ein Hochhausdach
Drei Privatwohnungen
Ein Büro eines Psychologen
Ein Hörsaal

Personen:

HARLEKIN, ein Penner und Schalk
ANNA, eine Kinderbuchautorin und angehende Selbstmörderin
PETER, ein arbeitsloser Serviceangestellter und angehender Selbstmörder
PSYCHO, ein Schulpsychologe
MUTTER, von Anna und Svenja
SVENJA, Annas Schwester
STECHER, betrunken
DOZENT, besorgt
FREUNDIN, von Peter
BÜHNENTECHNIKER, hilfreich.
MANN, wortreich.

PRÄLUDIUM
HARLEKIN:
{nicht singend}
Freude, schöner Götterfunken,
Tochter aus Elisium,
Wir betreten feuertrunken,
Himmlische, dein Heiligthum.
Deine Zauber binden wieder,
Was der Mode Schwerd getheilt,
Bettler werden Fürstenbrüder,
Wo dein sanfter Flügel weilt.

Seid umschlungen Millionen!
Diesen Kuß der ganzen Welt!
Brüder – überm Sternenzelt
Muß ein lieber Vater wohnen.

Wem der große Wurf gelungen,
Eines Freundes Freund zu seyn,
Wer ein holdes Weib errungen,
Mische seinen Jubel ein!
Ja – wer auch nur eine Seele
Sein nennt auf dem Erdenrund!
Und wer’s nie gekonnt, der stehle
Weinend sich aus diesem Bund!

{lacht}
Ein Gedicht!

1.1 Peter, Harlekin
[Dach: Das Dach eines Hochhauses, nahe daneben ein zweites, nur ein wenig kleineres Hochhaus. (Dach 2) Auf dem Dach liegen einige Kartonagen und Decken. Von jedem Dach führt ein Tür ab. Früh Morgens.]

PETER:
{Kommt durch die Türe, sieht sich kurz um und bleibt dann stehen, betrachtet das Panorama der Stadt.}
{singt, schräg} Into the great wide open, under them skies of blue
Schön hier. Diese Stadt ist alt. Ich glaube die braunen Gebäude dort am Fluss, die stammen noch aus dem dreizehnten Jahrhundert. Das Kloster am Stadtrand ist auch schon mehr als fünfhundert Jahre alt. Die grauen Wohnblöcke sehen ein bisschen wie eckige Berge aus, mitten im Industriegebiet. Da raucht es die Wolken über die Stadt und bei der Zuckerfabrik stinkt es. Meine Oma ist auf dem linken Berg begraben, inmitten von gusseisernen Kreuzen und Steinen. Da hinten, auf dem Hügel, gleich neben der roten Kirche hat meine erste Freundin gewohnt. Lisa.
{schwärmt, wird trauriger}
{Währendessen kommt HARLEKIN unter den Kartons hervor, richtet sich erfolglos die Haare, gähnt.}
PETER: Die hatte damals ihre Haare blau gefärbt, aber in Wahrheit war sie blond gewesen. Strohblond zwischen den Beinen. Und salzig geschmeckt. Das war auch komisch dann, mit ihren blauen Augen und ihren blauen Haaren. Und sie hatte so eine schräge Nase und Haare auf dem Bauch und den Beinen. Aber die hat man eigentlich nie bemerkt, weil ja so blond. Nur wenn man genau hin geschaut hat. Und wie ich genau hin geschaut hab. Ganz genau. Wenn ich so darüber nachdenke war sie nicht sonderlich schön. Naja, wild und sexy auf diese Gruftipunk Art, aber schön eigentlich nicht. Mit der Nase und den Pickeln, Bauch und Busen zu groß und der Narbe unter dem linken Auge. Gott… wie lang ist das her?
HARLEKIN: Mit wem redest du da eigentlich?
PETER: Gott, hast du mich erschreckt!
HARLEKIN: {lacht} Was mußt du auch in aller Herrgottsfrüh neben meinem Bett Monologe halten? Da wird einem doch ganz schummerig, da kann man nicht mehr schlafen, da weckts einen auf und da kann einer schon mal erschrocken werden wenn er ganze 14 Stockwerke hochklettert um in aller Herrgottsfrüh auf dem Dach Monologe zu halten.
PETER: Ich hab den Aufzug genommen, bin nur das letzte Stück auf der Treppe gegangen.
HARLEKIN: Andere Leute kommen hier nur hoch um sich umzubringen, nicht um Vorträge über häßliche Punkerfotzen zu halten.
PETER: … das hab ich nicht gesagt.
HARLEKIN: Bah. Hast du sie gefickt?
PETER: Wir waren 15.
HARLEKIN: Ja oder Nein?
PETER: … Nein.
HARLEKIN: Also bist du so nostalgisch, weil du sie nie gefickt hast aber immer hast ficken wollen, deine Punkerin?
PETER: Sie wollte halt nie dass ich ihn.. also.. Coitus. Aber warum erzähl ich dir das eigentlich? Und warum die … Schminke?
HARLEKIN: {tanzt, singt} Ich bin der Spass den Gott sich macht
die Missgeburt die immer grinst
mein Buckel bringt den Menschen Glück
deswegen dieses Lachen.
PETER: He, das kenn ich.
HARLEKIN: Papperlapapp!
PETER: Nein, wirklich
HARLEKIN: Du erzählst mir das, weil ich gefragt habe. Und weil du lieber nicht sagen wolltest, dass du eigentlich hier rauf gekommen bist um wieder runter zu springen. Luftige Sache das. Lustig, mein ich.
PETER: Das ist nicht
HARLEKIN: Ist es doch!
PETER: Nicht lustig.
HARLEKIN: Ach so. Kommt auf den Blickwinkel an. Wenn das hier ein Theaterstück wäre und es da gar nicht 70 Meter weit runter ginge, sondern nur so 30 cm., dann wäre das schon lustig. Oder wenn du dich entscheiden würdest doch nicht springen zu wollen, nur um dann plötzlich zu stolpern und doch runter zu stürzen. Das wär schon auch lustig.
PETER: Du bist ja krank!
HARLEKIN: Aber die Krankheit, das bist du!
{beide schweigen}
HARLEKIN: Dir ist schon klar, dass ich hier bleibe? Ist immerhin mein Dach hier und dich hat niemand eingeladen. Also wenn du springen willst, dass musst du das schon vor Publikum machen.
PETER: Jetzt ist mir nicht mehr nach springen.
HARLEKIN: Ach so.
{erneutes schweigen}
HARLEKIN: Weißt du, vielleicht solltest du sie aufstöbern und doch noch ficken.
PETER: Hä?
HARLEKIN: Deine Punkerin, Lisa, genau, Lisa. Weißt du, vielleicht gings dir dann besser. Manchmal jagen uns solche Sachen ein Leben lang. Wie man sich damals im Kindergarten in die Hose gemacht hat, wie einen die erste Liebe ausgelacht hat und dass sich die erste Freundin nie hat ficken lassen.
PETER: Du spinnst doch!
HARLEKIN: Das fällt dir erst jetzt auf? Die meisten Leute bemerken das wenn sie mein Gesicht sehen.
PETER: Ja schon, ach was weiß ich.
HARLEKIN: Nicht sonderlich viel, anscheinend. Zum Beispiel: weißt du, warum du da runter springen wolltest? Zu schlafen? Vielleicht zu träumen? Oder fliegen wie eine Ratte?
PETER: Ratte?
HARLEKIN: Eben.
PETER: Ich weiß nicht, ich bin immer so traurig, ich kann nichts mehr.
HARLEKIN: Ah ja, Leistungsversagen.
PETER: Sowas. Mir wurde gekündigt. Nicht dass ich den Job gerne gemacht hätte. Im Gegenteil. Eine miese Scheißarbeit war das. Aber nachdem ich mein Studium geschmissen hatte war das zumindest was gewesen. Und zum Assistant Manager haben sie mich gemacht. Nach einem Jahr im Service. Burger braten, Fritten frittieren, freundlich sein, lächeln, „zum mitnehmen oder hier essen?“ „im Menu?“ Und immer die Kinder und die fetten Leute mit ihren Extrawünschen, ohne Gurke, mit extra Bacon, keine Tomaten. Jedes mal wenn ich nach Hause gekommen bin, hab ich mir 10 Minuten lang die Hände gewaschen um den Gestank runter zu kriegen. Und dann hab ich die Leiche im Scheißhaus gefunden.
HARLEKIN: Scheiße, Mann., ne Leiche {übertrieben}
PETER: Ich war ein paar Tage entschuldigt, die haben gesagt, ich sollte einen Psychologen besuchen, aber selbst danach wars nicht mehr wie vorher. hm.. Eigentlich wars immer noch genauso, nur jetzt roch ich jedes mal wenn ich aufs Klo ging…
HARLEKIN {legt ihm die Hand auf die Schulter} Armes PutPut.
PETER: Arschloch!
HARLEKIN: Ach komm, lach ein wenig, warum so ernst?
PETER: Was für eine Frage. „Warum so ernst?“ Weil ein 160-Kilo Sack vollgekotzt und vollgeschissen auf meinem Klo verreckt ist. Darum so ernst du Arschloch.
HARLEKIN: Oh. Das tut mir leid.
PETER: Fick dich.
{beide schweigen}
HARLEKIN: Jetzt erzähl doch weiter!
PETER: Damit du wieder blöde Witze machen kannst?
HARLEKIN: Nein! Versprochen! Ich will wissen wies weitergeht.
PETER: Gibt nicht soviel zu erzählen. Ich war immer unkonzentriert und hab einfach zu oft falsches Wechselgeld gegeben oder die falsche Bestellung gebracht. Sowas halt. Kleinkram. Und weil eben der Gestank nie weg gegangen ist aus dem Klo bin da irgendwann nicht mehr hin. Musste also ständig pissen.
HARLEKIN: Und letzte Woche hast du dir dann an der Kasse vor vollem Haus in die Hose gepisst.
PETER: Was? Woher weißt du dass?
HARLEKIN: Geraten.
PETER {beäugt ihn misstrauisch}
HARLEKIN: Und deshalb willst du dich umbringen?
PETER: Ich hab nichts erreicht, nichts geschafft. Zu blöd für Studium, zu blöd fürs Burgerverkaufen, zu blöd für Beziehungen. Ich bin 32 und hab nichts, gar nichts. Entweder umbringen oder Harz IV. Tod oder Scheiße.
HARLEKIN: Arbeitslose sind also Scheiße?
PETER: Man ist dann nicht viel.
HARLEKIN: Und was ist mit mir? Ich bin ein Teil von jener Kraft.
1.2. Peter, Harlekin, Anna
{auf Dach 2: ANNA kommt herauf, bemerkt die beiden nicht}
PETER: Das kenn ich auch!
HARLEKIN: Das ist wahres Bildungsbürgertum! Und jetzt, immer noch umbringen?
PETER: Weiß nicht. Mir ist nicht mehr so danach.
HARLEKIN: Der da drüben aber schon.
PETER: Hä? {schaut hinüber} Die will springen.
HARLEKIN: Hast du was an den Ohren? Hab ich doch grad gesagt!
PETER: Wir müssen was tun!
HARLEKIN: Warum?
PETER: Warum? Weil.. Ach Scheiße {ruft} He, da drüben! Hallo!
HARLEKIN {geht ab}
1.3. Peter, Anna
ANNA {dreht sich um, bemerkt PETER}
PETER: Ja genau! Nicht springen!
ANNA: Warum nicht?
PETER: Weil das doof ist, jetzt. Wo ich hier bin.
ANNA: Du bist nicht hier, du bist da drüben.
PETER: Ich kann rüber kommen.
ANNA: Lieber nicht.
PETER: Warum nicht?
ANNA: Ich kenn dich doch gar nicht. Außerdem wollte ich gar nicht springen. Nur die Aussicht anschauen.
PETER: Ach so. Na gut. {schaut sich um} Wo isser denn hin?
ANNA: Was?
PETER: Wo er hin ist.
ANNA: Wer?
PETER: Der komische Penner, mit dem geschminkten Gesicht.
ANNA: Wovon redest du?
PETER: Hast du ihn denn nicht gesehen? Eben war er noch hier.
ANNA: Ein geschminkter Penner?
PETER: Ja, geschminkt. So wie der Joker n bisschen. Oder diese alten Keramikpuppen.
ANNA: Joker. Wie bei Batman?
PETER: Genau, Batman.
ANNA: Und du bist dann?
PETER: Nicht Batman.
ANNA: Sondern?
PETER: Peter. Ich heiß Peter.
ANNA: Hallo Peter Schade dass du nicht Batman bist. Dann könntest du runter fliegen.
PETER: Batman kann nicht fliegen. Das ist Superman, der fliegen kann.
ANNA: Wenn ich stolpern und runterfallen würde. Der könnte mich auffangen.
PETER: Den gibt’s aber nicht. Und du stolperst nicht.
ANNA: Aber wenn, dann könnte der mich retten.
PETER: Wie heißt du?
ANNA: Maria.
PETER: Maria ist ein schöner Name.
ANNA: Versuchst du mit mir zu flirten?
PETER: Nein. Und wenn, wär ich nicht gut darin.
ANNA: Das hab ich gemerkt.
PETER: Und wie findest du sie?
ANNA: Bitte?
PETER: Die Aussicht! Die wolltest du doch anschauen.
ANNA: Nein, wollte ich nicht. Aber schön. Die Stadt ist groß, man kann ihr Ende höchstens erahnen.
PETER: Also wolltest du doch springen.
ANNA: Warum wolltest du springen?
PETER: Ich weiß nicht.
ANNA: Sowas sollte man aber schon wissen.
PETER: Ja, sollte man. Mir geht’s halt schlecht.
ANNA: Klar. Scheidung oder so?
PETER: War nie verheiratet.
ANNA: Ach so. Ist das der Grund?
PETER: Nein. Hör mal, ich will nicht drüber reden. O.k.?
ANNA: Worüber willst du dann reden?
PETER: Lebst du schon lange hier? In der Stadt mein ich,
ANNA: Seit ein paar Jahren.
PETER: Magst du sie?
ANNA: Die Stadt.
PETER: Ja.
ANNA: Die Innenstadt ist schön, mit den alten Gebäuden. {pause} Ich weiß nicht, ich geh nicht so viel weg.
PETER: Ich mag den Fluss. Ich weiß nicht warum, aber es ist schön am Ufer zu stehen und zu zu schauen wie das Wasser vorbei fließt. Das beruhigt mich immer.
ANNA: Ich seh da nur immer die saufenden Teenager sitzen.
PETER: Ich sitz nie an der Innenstadt, sondern weiter im Osten. Da beim Park beim alten Stadttor. {deutet} Da hinten. Da ist es friedlich, da ist selten mal einer nachts.
ANNA: Ich könnt das nicht, da ist es dunkel.
PETER: Schon n bischen.
ANNA: Hast du da keine Angst?
PETER: Angst?
ANNA: Man weiß ja nie was da passieren kann. Wo es nachts so einsam ist. Ich geh nachts nicht durch Parks.
PETER: Wohin gehst du denn, wenn du weg gehst.
ANNA: Ich geh nicht viel weg.
PETER: Aber manchmal gehst du doch weg, oder?
ANNA: Ich war mal im Hemmingway.
PETER: Da war ich noch nie.
ANNA: Ist ganz nett da, irgendwie.
PETER: Hast du Hemmingway gelesen?
ANNA: Ja.
PETER: Vorlieben?
ANNA: Vorlieben?
PETER: Was du am besten fandest. Von Hemmingway.
ANNA: Ich hab nur Wem die Stunde schlägt gelesen.
PETER: Und wie fandest dus?
ANNA: {zuckt mit den Schultern} Schon ok. Es ist irgendwie traurig und grausam. Soldat werden, das ist auch eine Art Selbstmord zu begehen.
PETER: Damals vielleicht.
ANNA: Ich weiß nicht. Im Buch jedenfalls sterben die wie die Fliegen. Für die gute Sache. Ist das nicht was man mit Heldentod meint? Absichtlich sterben, für eine gute Sache.
PETER: Gegen den Faschischmus.
ANNA: Ja. Ist das ein guter Grund sich umzubringen? Wenn da unten jetzt eine NPD Demo vorbeimarschieren würde. Wäre es dann gut runter zu springen? Und so flatsch auf einem Nazi landen. Wäre das dann ein Selbstmordattentat?
PETER: Ich glaub nicht, dass das gut wäre.
ANNA: Wann wärs dann gut?
PETER: Ich weiß nicht. Vielleicht ist das eine Sache, die mit gut und schlecht nicht viel zu tun hat.
ANNA: Alles ist schlecht oder gut.
PETER: Das glaub ich nicht. Ich glaube wir tun einfach Dinge und nachher kommen Leute und finden sie gut oder schlecht.
ANNA: Auch die Nazis?
PETER: Hm.. die vielleicht nicht.
ANNA: Aber du wolltest nicht, dass ich runterspringe. Warum?
PETER: Hm… ich wollte halt nicht dass du springst.
ANNA: Aber warum?
PETER: Weiß nicht.
ANNA: Weil es schlecht ist, oder? Aber wenn es schlecht ist sich umzubringen, warum bist dann hier oben?
PETER: Ich will mich nicht umbringen.
ANNA: Warum bist du dann hier oben? Sind ziemlich viele Stufen.
PETER: Ich hab den Aufzug genommen.
ANNA: Aber warum?
PETER: Na gut, ich wollte eigentlich springen.
ANNA: Siehst du. Du hattest nur Angst meinen Tod mit ansehen zu müssen.
PETER: Nein, … ach egal.
ANNA: Wollen wir zusammen springen.
PETER: Ich will nicht mehr springen.
ANNA: Schade.
PETER: Sag sowas nicht.
ANNA: Wenn du dich umbringen wolltest kannst du nicht gegen Selbstmord sein, also warum gibst du nicht zu, dass es ok ist, wenn ich mich umbringe.
{beide schweigen}
ANNA: Ich bin schwanger.
PETER: Schwanger?
ANNA: Ich bin schwanger, darum wollte ich springen.
PETER: Spinnst du?
ANNA: Du verstehst das nicht.
PETER: Was gibt’s da zu verstehen
ANNA: Ach vergiss es. Jedenfalls will ich heute nicht mehr springen.
PETER: Heute?
ANNA: Ja, vielleicht morgen wieder. Machs gut.
PETER: Warte!
ANNA: Nein.
PETER: Machs gut, dann!
ANNA: {geht ab}
1.4. Harlekin
[Bühne]
HARLEKIN: {singt} Into the great wide open, under them skies of blue.
{zum Publikum} Sowas aber auch. Da will sich einer umbringen und tuts nicht, nur weil man ihn in ein Gespräch verwickelt hat. Und dann trifft er auf eine andere Selbstmörderin und verliebt sich auch noch in sie, obwohl sie weder besonders hübsch, noch besonders humorvoll ist. Was meinen sie: So was passiert in der wirklichen Welt doch nicht, oder? Ich meine, wenn sich wer wirklich umbringen will, dann ist das eine reichlich schlechte Zeit um sich zu verlieben. An so was haben doch höchstens die Romantiker geglaubt. Ein Unfug ist das. Wer hat sich denn so eine Geschichte ausgedacht? {hält inne} Ach So. Stimmt ja. Kann auch mal so sein. Sehen sie ähnlich oder. Die gute Anna, die von sich behauptet Maria zu heißen, mit der wünscht man sich doch nachher, so im vierten Akt, noch eine Kußszene. Süß ist sie ja. Wenn auch jetzt nicht wirklich schön. Ah… MUSIK!

{Musik}
1.5. Anna, Harlekin
[Dach, der nächste Morgen]

ANNA {tritt auf, tritt an den Rand} Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit Dir! Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht Deines Leibes, Jesu… {pause} Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres
HARLEKIN: {unterbricht sie} Selbstgespräche?
ANNA {erschrickt, fällt beinahe, doch HARLEKIN hält sie fest}: Du bist der Obdachlose. Der, von dem Peter erzählt hat.
HARLEKIN: Jaja, genau der. Höchstverfreut ihro Heiligkeit kennenzulernen. {verbeugt sich}
ANNA: Lass mich in Ruhe.
HARLEKIN: Das geht nicht.
ANNA: Warum geht das nicht?
HARLEKIN: Weil ich nicht mag.
ANNA: Das ist kein Grund.
HARLEKIN: Wirklich? Gibt es überhaupt jemals irgendeinen Grund etwas nicht zu tun als es nicht tun zu wollen?
ANNA: Wenn mans nicht tun darf?
HARLEKIN: Dann muss mans trotzdem auch nicht wollen, sonst würde mans ja tun, egal obs verboten ist. Dann ist es halt verboten und man wills nicht tun. Überdetermination. Sowas kommt vor.
ANNA: Überdetermination?
HARLEKIN: Ach egal. Jedenfalls wird das heute nichts mit dem Selbstmord.
ANNA: Was redest du? Ich wollte mich gar nicht umbringen.
HARLEKIN: Eben. {grinst und zwinkert ins Publikum}
ANNA {schweigt}
HARLEKIN: Warum lässt du nicht einfach abtreiben?
ANNA: Was? {übertölpelt}
HARLEKIN: Abtreiben. Du weißt schon, das Kind wegmachen, wegen dem du dich gestern umbringen wolltest. Heute ja nicht.
ANNA: Das geht dich gar nichts an.
HARLEKIN: Du willst also nicht?
ANNA: Arschloch!
HARLEKIN: Oh, das Püppchen weiß schlimme Wörter.
ANNA: Verpiss dich!
HARLEKIN: Ich will nicht.
ANNA {schlägt nach ihm}: Geh weg!
HARLEKIN: Das geht nicht. Schau, ich will doch nur mit dir reden, dass du deinen Kummer jemandem erzählen kannst. Ist ja wohl schon ne schlimme Sache, wenn sich eine mit samt ihrem ungeborenen Kind von Dach stürzen will.
ANNA: Ich will nicht mit dir reden, du bist fies.
HARLEKIN: Ein wahres Wort.
ANNA {wendet sich ab von ihm}
HARLEKIN: Weißt du, dass er dich gern hat?
ANNA: Gern hat?
HARLEKIN: Der Idiot von gestern, Petrus oder so.
ANNA: Peter.
HARLEKIN: Genau.
ANNA: Der Arme.
HARLEKIN: Ich weiß, du bist es nicht wert geliebt zu werden. Er auch nicht. Schöne Scheiße, wie kommen wir jetzt zu unserer Kußszene?
ANNA: Gar nicht, ich mag nicht mehr küssen.
HARLEKIN: Stimmt, da war ja was.
ANNA: Du redest als ob du was wüsstest, was du nicht wissen kannst.
HARLEKIN: Mein Name ist Hase.
ANNA: Arschloch.
HARLEKIN: Nein, Hase.
HARLEKIN: {zieht eine Taschenuhr heraus} Ich muss los! Ich komm zu spät, ich komme viel zu spät! {Verschwindet im Treppenhäuschen}
1.6. Anna, Peter
PETER: {kommt auf das andere Dach} Maria?
ANNA: Hallo Peter.
PETER: Hast du gerade mit jemandem geredet, ich dachte ich hätte deine Stimme gehört.
ANNA: Nein. Nein, war niemand hier.
PETER: Also?
ANNA: Also was?
PETER: Willst du wieder springen.
ANNA: Vielleicht, was geht’s dich an?
PETER: Ich bin deswegen 14 Stockwerke raufgestiegen.
ANNA: Ach was, du hast den Aufzug genommen.
PETER: Der war kaputt.
ANNA: Na gut. Dann bist du halt zu Fuß rauf gestiegen. Gibt dir immer noch nicht das Recht mich auszufragen.
PETER: Ich finde schon.
ANNA: Aber da irrst du dich. Wenn man sich umbringen will, dann muss man niemandem sagen warum.
PETER: Ich will aber nicht, dass du dich umbringst.
ANNA: Du solltest dich da nicht so reinsteigern. Und ich sags dir eh nicht.
{beide schweigen}
PETER: Was machst du so, also außer Selbstmordversuchen?
ANNA: Das war nicht lustig.
PETER: Sorry.
ANNA: Schon gut. Ich schreibe… Ich habe Kinderbücher geschrieben.
PETER: Kinderbücher? So wie Hanni und Nanni.
ANNA: Nein, das sind Jugendbücher.
PETER: Regenbogenfisch?
ANNA: Ja, so Sachen,
PETER: Und warum hast du aufgehört.
ANNA: Ich mag keine Kinder.
PETER: Warum hast du dann damit angefangen.
ANNA: Ich brauchte Geld.
PETER: Wie kann man Kinderbücher schreiben ohne Kinder zu mögen?
ANNA: Man versucht sie heimlich zu traumatisieren.
PETER: Ich glaub dir kein Wort.
ANNA: Meine Bücher hießen „Kevins Omi ist tot.“, „Kevins Vati ist arbeitslos.“ oder „Wo Onkel Gustavs Hände hin gehören“. Gemalt waren sie mit viel rot und schwarz.
PETER: Scheiß
ANNA: Glaub was du willst.
PETER: Wie lange hast du das denn gemacht?
ANNA: Ein paar Jahre. Vier oder so. Hab schon während des Studiums angefangen.
PETER: Was hast du denn studiert?
ANNA: Mathe.
PETER: Auf Lehramt?
ANNA: Ich hab ein Diplom.
PETER: Wow. Das hätt ich nicht erwartet.
ANNA: Du hast mit Sicherheit mit Germanistik gerechnet, oder mit Kunstgeschichte oder Pädagogik? Alle machen das. Mathematikerinnen müssen was sehr seltsames sein. Schüchtert Männer ein.
PETER: Es gibt sicherlich ein paar, die das anmacht.
ANNA: Machts dich an?
PETER: {stockt} Ich, ähm,… ich war nie gut in Mathe.
ANNA: Also nicht.
PETER: Das hab ich nicht gesagt.
ANNA: Also mach ich dich an?
PETER: {stockt} Ich find dich schon sympathisch.
ANNA: Ihr Männer seid doch alle gleich.
PETER: Hä? Was? Aber ich hab doch nur gesagt dass ich dich sympathisch finde. Was ist denn bloß los mit dir?
ANNA: Ich will mich umbringen.
PETER: {schweigt} Ja schon… aber.
ANNA: Vielleicht solltest du besser gehen.
{beide schweigen}
PETER: Warum wolltest du dich umbringen?
ANNA: Willst. Gegenwart.
PETER: Aber warum?
ANNA: Hab ich doch gesagt.
PETER: Aber man bringt sich doch nicht um, nur weil man schwanger ist.
ANNA: Nein, wahrscheinlich nicht.
PETER: Also?
ANNA: Also was?
PETER: Wenn du dich nicht umbringen wolltest, … willst, weil du schwanger bist. Warum dann.
ANNA: Ist schön hier oben.
PETER: Das ist auch kein Grund.
ANNA: Warum nicht? Man sagt ja auch „zum sterben schön“. An Schönheit gestorben, das wäre doch was für die Todesanzeige.
PETER: Weich nicht immer aus, Maria. Du versuchst mich an der Nase herum zu führen, aber das klappt nicht. Ich bin da zu schlau für.
ANNA: Ich heiße nicht Maria.
PETER: Was?
ANNA: Ich heiße nicht Maria. Ich heiße Anna.
PETER: Was? Anna? Warum… Warum hast du… Ich…
ANNA: Das verstehst du nicht.
PETER: Erklärs mir.
ANNA: Nein {geht zum Treppenhäuschen}
PETER: Warte, Maria warte, geh nicht.
ANNA: Machs gut, Peter {ab}
PETER: {sieht ihr nach, geht Richtung Treppenhäuschen}
1.7. Peter, Harlekin
HARLEKIN {schleicht sich von hinten an, erschreckt Peter, so dass dieser beinahe fällt.}
PETER: Was soll der Scheiß, spinnst du?
HARLEKIN: Was, wolltest du nicht gestern da runter?
PETER: Das war gestern.
HARLEKIN: Und was ist heute anders?
PETER {schaut zum anderen Dach} Das verstehst du nicht.
HARLEKIN: Dein Helferkomplex hat dich aus deiner depressiven Phase gerissen, weil es plötzlich wieder was für dich zu tun gibt, dass dir wichtig erscheint, aber in Wahrheit folgst du nur diesem alten, verirrten Handlungsmuster, dass du immer gegenüber Frauen an den Tag legst, in der Hoffnung, dass sie irgendwann ihren Gutmensch von Retter vögeln wollen.
PETER: Wie bitte?
HARLEKIN: Du hast schon verstanden.
PETER: Das ist nicht wahr. Ich.. ich mag sie halt.
HARLEKIN: Du magst sie nur weil sie noch weiter unten ist als du.
PETER: Ihr geht’s halt schlecht. Sie wurde –
HARLEKIN: {unterbricht ihn} An eine normale Frau traust du Verlierer dich doch gar nicht ran.
PETER: Arschloch.
HARLEKIN: Das höre ich oft.
PETER: Warum machst du das? Was willst du eigentlich?
HARLEKIN: Stets das Böse aber ich schaffe leider stets das Gute. Es ist eine Schande.
PETER: Hör mit den Zitaten auf! Du bist ja krank im Kopf!
HARLEKIN: Du bist hier der Selbstmörder.
PETER: Nicht mehr.
HARLEKIN: Das kommt wieder.
PETER: Ach leck mich doch! {tritt ab}
HARLEKIN: Ich liebe diese Fäkalsprache. Man hört so selten genau hin. {zum Lichttechnikter} Mach das scheiß Licht aus!

1.8. Anna, Harlekin
[Dach, Abend]
ANNA {tritt aufs Dach, an den Rand} Que sera, sera… whatever will be will be… the future’s not ours to see… que sera…
HARLEKIN {applaudiert} Bravo, sehr schön, da wünscht man sich ja fast die Bühne wär in Technicolor.
ANNA: Was?
HARLEKIN: Das verstehst du eh nicht, das geht über deinen Horizont. {zum Publikum} Verstanden? Horizont.
ANNA: Was machst du überhaupt hier oben?
HARLEKIN: Reden wir über dich. Warum willst du dich umbringen.
ANNA: Das hab ich doch schon gesagt.
HARLEKIN: Aber da hast du gelogen.
ANNA: Hab ich nicht.
HARLEKIN: Schwangerschaft ist doch kein Grund sich umzubringen.
ANNA: Ich… Das geht dich gar nichts an.
HARLEKIN: Du weißt es gar nicht. Du willst dich umbringen und weißt gar nicht warum.
ANNA: Natürlich weiß ich es.
HARLEKIN: Dann kannst du es auch sagen!
ANNA: Nein, nicht dir, du bist ein Arschloch.
HARLEKIN {macht ein Furzgeräusch} Natürlich weißt du es nicht. Niemand weiß so genau warum er will was er will, warum er tut was er tut.
ANNA: Ich weiß es schon.
HARLEKIN: Warum kannst du es dann nicht aussprechen.
ANNA: Ich hab es mir nicht ausgesucht.
HARLEKIN: Es ist einfach so passiert.
ANNA: Ich habe schon mit ihm schlafen wollen. Das hab ich nicht gemeint.
HARLEKIN: Was dann?
ANNA: Ich habe mir mich nicht ausgesucht.
HARLEKIN: Das ist doch Unfug.
ANNA: Lass mich in Ruhe, ich will nicht mehr mit dir Reden.
HARLEKIN: Ach, ich weiß, du bist zu schwach.
ANNA: Hau ab!
HARLEKIN: Gleich. Aber zuerst hab ich noch etwas für dich. {holt den schwarzen Spiegel} Wenn du es wissen willst, wirklich wissen willst, dann schau in den Spiegel.
ANNA: Aber der ist schwarz.
HARLEKIN: Deshalb kann er dir die Wahrheit zeigen.
ANNA: Das ist doch Unsinn!
HARLEKIN: {legt den Spiegel auf den Boden} Ganz wie du meinst. Das ist eh immer so eine Sache. Macht nicht glücklich, wenn man zu viel über sich weiß.
ANNA: Was macht schon glücklich?
HARLEKIN: Die Liebe! Die Liebe ist die größte Kraft! Die Liebe, die alles schafft!
ANNA: Liebe kann gar nichts.
HARLEKIN: Dein Zynismus ist wie ein Penner: verfaulte Zähne und riecht nach Pisse.
ANNA: Wie kannst du sowas sagen?
HARLEKIN: Schau, ich machs dir vor: {spricht sehr langsam und betont} Dein Zynismus
ANNA: {unterbricht ihn} Hör auf!
HARLEKIN: OK.
ANNA: Ich werd noch wahnsinnig hier.
HARLEKIN: Es gibt Stimmen, die würden sagen, dass die Tatsache, dass du hier hoch gekommen bist, um dich um zu bringen, obwohl es gestern irgendwie nicht geklappt hat, ein gutes Indiz dafür darstellt, dass du schon wahnsinnig bist. Du weißt doch, Wahnsinn heißt immer wieder die selbe Handlung auszuführen und auf ein anderes Ergebnis zu hoffen.
ANNA: Ich geh jetzt. {geht in Richtung Treppenhäuschen}
HARLEKIN: So warte doch, der Trottel kommt gleich!
ANNA: Was interessiert mich der Idiot?
HARLEKIN: Das frage ich mich auch. Aber du wirst trotzdem hier bleiben um ihn zu treffen.
ANNA: Werd ich das?
HARLEKIN: Ich muss jetzt gehen.
ANNA: Warte.
HARLEKIN: Nein, Nein, Nein, Nein, {wackelt mit einer Packung Smint} Hier, nimm eins, du willst doch gut aus dem Mund riechen wenn der junge Mann hierher kommt.
ANNA {denkt nach, nimmt das Smint dann entgegen}
HARLEKIN {verbeugt sich sehr tief} Viel Glück. {geht ab}
ANNA {Überlegt ob sie das Smint schlucken soll, tut es schließlich}
1.9. Peter, Harlekin, Anna
PETER & HARLEKIN {kommen aufs andere Dach}
HARLEKIN: {wie im Satz} …Und sie mag dunkle Schokolade. Warte, nimm noch ein Smint. No Smint, No Kiss.
PETER: Ok Danke.

2. Akt
2.1. Anna, Peter
{ANNA und PETER auf ihren Dächern, sie reden miteinander, aber man hört nichts, nach einer Zeit beginnen sie zu wanken. Dann drehen sie sich frontal zum Publikum, ihr Gesichter sind verwirrt. Sie versuchen nach einander zu greifen, während sie zugleich vor einander zurück weichen.}
Musik
2.2. Harlekin
{Tanzt, macht faxen, turnt herum. Währenddessen geschieht Upstage der Umbau für die nächste Szene. Musik}
2.3. Peter, Psycho
[Das Büro des Schulpsychologen]
PETER: Der Dennis ist ein Arsch. Der hat mich Loser genannt.
PSYCHO: Und das ist ein Grund ihm die Nase zu brechen?
PETER: Der ist selber Schuld. {fängt an zu weinen} Das war nicht meine Schuld, dieses Arschloch, der hat nie aufgehört: Immer „Loser“, „Spinner“ und die anderen haben gelacht wenn er mir ein Bein gestellt hat.
PSYCHO: {reicht ihm ein Tempo} Hänseln dich die anderen Kinder in deiner Klasse oft?
PETER: {nickt schluchzend}, {Schnäuzt sich} Danke.
PSYCHO: Frau Hasenohr hat mir gesagt, dass du oft fehlst und kaum einmal deine Hausaufgaben machst. Ich glaube, das hat etwas mit dem Hänseln zu tun.
PETER: Nein. Schule ist halt doof. Da lernt man nichts. Nur scheiße hier. Und auf Hausaufgaben hab ich keine Lust. Ist eh scheiße und zu leicht. Hausaufgaben sind was für Kinder.
PSYCHO: Und du denkst nicht, dass du ein Kind bist?
PETER: Nein… Ich weiß nicht… Wir… jeder will was von einem, in der Klasse wird nur gehänselt und die Lehrer sind hirnlose Idioten, die nur auf ihre Regeln und auf ihre Ordnung bestehen aber nichts wissen, wenn man mal was nachfragt. Und dann die blöden Schlampen.
PSYCHO: Welche Schlampen?
PETER: Die Mädchen halt, die interessieren sich nur für Klamotten und die blödesten Jungs und die Jungs wollen alle nur dicke Macker sein und angeben und hart sein und so. Die sind widerlich, die kotzen mich an, mit ihrer Schönheit, mit ihrem Getue und die Lehrer mit ihren Hausaufgaben und Noten und immer Leistung, Leistung sonst findest du keinen Job. Die widern mich an, das ist zum kotzen. Da ist keiner echt, die sind alle aus Plastik. Ich hasse die, hasse die alle.
PSYCHO: Ich kann dich schon verstehen.
PETER: Ja?
PSYCHO: Ja, es ist schwer wenn man gehänselt wird und mit dem Leistungsdruck nicht klar kommt. Aber da gibt es Hilfe. Weißt du, wenn man sich klare Ziele setzt, dann ist es auch einfach mit den Arbeiten, dann vergisst man nicht mehr so leicht was. Was wären denn deine Ziele, was willst du erreichen.
PETER: Ich will hier nur raus.
2.4. Harlekin
{Tanzt, macht faxen, turnt herum. Währenddessen geschieht Upstage der Umbau für die nächste Szene. Musik}
2.5. Mutter, Anna, Stecher, Svenja
[Wohnzimmer der Mutter, ANNA sitzt am Tisch]
MUTTER: {kommt herein, trägt eine Flasche Wein} Du bist ja noch wach.
ANNA: Akte X.
MUTTER: Was?
ANNA: Ich hab ferngesehen.
MUTTER: Geh schlafen!
ANNA: {steht auf um zu gehen}
STECHER: {aus dem off, angetrunken} Lässt du mich jetzt mal rein.
ANNA: Wer ist denn…
MUTTER: {ruft} Die kleine Schlampe geht gleich ins Bett.
ANNA: {fängt an zu weinen}
MUTTER: Ach Scheiße {lauter} Jetzt heult sie auch noch.
STECHER: Mann, nicht mal deine Schradzen hören auf dich. Schick sie ins Bett. Scheiß kalt hier.
ANNA: {sitzt noch immer da und weint, Gesicht in den Händen}
MUTTER: {legt ihr den Arm und die Schulter} Jetzt heul doch nicht. Das war nicht so gemeint.
ANNA: {weint, schüttelt den Arm ab} Geh weg.
MUTTER: Ach hör doch auf…
STECHER: Wird’s bald. Ich geh gleich!
MUTTER: {ruft} Warte noch. {zu ANNA} Anna bitte, der Herbert wird sonst sauer. Anna….? Anna, jetzt geh schon, geh in dein Zimmer, morgen früh gibt’s auch heiße Schokolade…. Anna? {lauter} Verdammt nochmal
STECHER: Leck mich, ich fahr jetzt, du dumme Schlampe.
MUTTER: {rennt zur Tür} Herbert warte, bitte geh nicht, bitte! Herbert! Herbert!
{geht zu ANNA} Du hau ab! Alles verdirbst du einem! Glaubst du ich kann mir die Kerle aussuchen? {setzt sich & nimmt Flasche} Dieses Arschloch. {sieht zu ANNA.} Du bist ja immer noch hier. Du bist genau wie dein Vater, alles machst du mir kaput.
{SVENJA, ANNAs Schwester kommt herein}
SVENJA: Mama?
MUTTER: Svenja, baby! Komm her und gib deiner MUTTER einen Kuss! {Svenja kommt und küsst, durch den Alkoholgeruch leicht angewidert.} Wenigstens du legst es nicht darauf an mir das Leben zur Hölle zu machen. Anders als deine Schwester.{zu ANNA} Du heulst ja immer noch. Hast du nicht erreicht was du wolltest? Lach gefälligst! Lach! Ich hätte dich nie kriegen sollen. Wegen dir hat dein Vater mich verlassen. Du hast mich fett und häßlich gemacht! Und wegen dir jetzt 14 Jahre diese Scheißjobs und die einzigen Kerle die mich jetzt noch wollen sind Verlierer wie Herbert. {trinkt} Du bist ja immer noch da, hau ab hab ich gesagt! Hau ab! {schlägt ANNA} Alles deine Schuld! Deine Schuld!
2.6. Harlekin
{Tanzt, macht faxen, turnt herum. Währenddessen geschieht Upstage der Umbau für die nächste Szene. Musik}
2.7. Peter, Dozent
[Ein Seminarraum, PETER und ein DOZENT]
DOZENT: Das wars für heute. Vergessen sie nicht zum nächsten Mal ihren Durkheim zu lesen. Achten sie auf die Grundtypen des Selbstmords und überlegen inwieweit Durkheims Typologie den Idealtypen, wie sie sie von Weber kennen entspricht.
{Studenten stehen auf und verlassen den Raum}
DOZENT: Herr Müller, einen Augenblick bitte.
PETER: Ja, was gibt es denn?
DOZENT: Ich habe festgestellt, dass sie bereits drei Mal gefehlt haben. Ich wollte sie vorwarnen, dass ich Sie, wenn Sie ein weiteres mal fehlen, als nicht bestanden eintragen muss.
PETER: Ja, kommt nicht mehr vor.
DOZENT: Haben Sie sich bereits Gedanken über ihre Abschlussarbeit gemacht?
PETER: Nicht wirklich.
DOZENT: Es würde aber Zeit. Kommen sie doch mal in meine Sprechstunde, dann können wir uns gemeinsam über mögliche Themen Gedanken machen.
PETER: Danke, das werd ich tun.
DOZENT: Die ist immer Mittwochs um zwei. Aber wenn sie mir eine Mail schreiben, können wir auch einen anderen Termin ausmachen.
PETER: Ja.
DOZENT: Was ist denn los mit ihnen, wenn ich fragen darf? Sie sind in letzter Zeit immer so unkonzentriert. So kenne ich sie gar nicht.
PETER: Ach nichts.
DOZENT: Na gut. Aber passen sie auf sich auf. Es wäre sehr schade, wenn jemand wie sie seinen Abschluss nicht schafft.
2.8. Harlekin
{Tanzt, macht faxen, turnt herum. Währenddessen geschieht Upstage der Umbau für die nächste Szene. Musik}
2.9. Anna, Freund
[ANNAs Wohnzimmer, FREUD steht auf der Bühne]
ANNA: {läuft herein, freut sich} Hier ist es. Es ist raus, es ist raus! {schwenkt ein Buch}
FREUND: {umarmt sie kurz} Das ist schön mein Schatz. Magst du eine Massage? Die hast du dir verdient.
ANNA: Das ist lieb von dir. {küsst ihn}
{Sie setzt sich, er massiert sie}
FREUND: Und, schon Pläne für das nächste?
ANNA: Made Muck kehrt zuruck?
{beide lachen}
ANNA: Nicht wirklich, aber ich lass mir was einfallen. Was wildes diesmal. Vielleicht mit Rockmusik „Made Muck rockt das Haus?“
FREUND: {lacht gekünstelt}
ANNA: Nicht lustig?
FREUND: Doch, doch.
ANNA: Vielleicht auch was mit Hasen. Hoppels Doppel {lacht}
FREUND: {lacht} Das ist aber nichts für Kinder.
ANNA: Warum?
FREUND: Naja, also
ANNA: {unterbricht ihn mit einem Lachen} Ach so. Ich hatte ja mehr an Tennis gedacht. Du denkst aber auch immer an Schweinkram.
FREUND: Manchmal schon {fährt mit den Händen von ihren Schulter in Richtung ihrer Brüste}
ANNA: {schüttelt sich} Lass das. Ich mag das nicht.
FREUND: Ich… sorry. Hätts mir denken können.
ANNA: Jetzt schmoll nicht.
FREUND: Ich dachte nur. Wir haben halt schon lange nicht mehr.
{beide weichen still den Blicken des anderen aus}
ANNA: Ich hab Hunger. Magst du Spaghetti? Ich mach Spaghetti.
FREUND: Spaghetti is ok.
2.10. Harlekin
{Tanzt, macht faxen, turnt herum. Währenddessen geschieht Upstage der Umbau für die nächste Szene. Musik}
2.11. Peter, Freundin
[PETER sitzt in seinem Bett, er hat einen Brief von der Uni in der Hand]

{Es klopft}
PETER: Es ist offen.
FREUNDIN {kommt herein} Hey Schatz
PETER: Hey.
FREUNDIN: Und?
PETER: Was und?
FREUNDIN: Na die Prüfung?
PETER: {schweigt}
FREUNDIN: Hallo, noch da?
PETER: Ich habs nicht geschafft.
FREUNDIN: Typisch
PETER: Bitte, ich…
FREUNDIN: {unterbricht ihn} Du hättest nicht so viel kiffen sollen. Dann hättest du auch die Prüfung bestanden. Du bist doch nicht dumm.
PETER: Das ist es nicht…
FREUNDIN: Doch, genau das ist es. Du bist nur am kiffen und Computer spielen. Wenn du dich einmal hingesetzt und gelernt hättest, wär das nicht passiert.
PETER: Du klingst wie meine Mutter.
FREUNDIN: Deine Mutter hatte recht. Du bist und bleibst ein Versager.
{Sie schweigen sich an}
FREUNDIN: Hast du nichts zu sagen?
PETER: Ist doch eh egal. Du hast ja deine Meinung.
FREUNDIN: Und du hast nie versucht mich zu überzeugen die zu ändern? Mir zu zeigen, dass du mehr kannst immer nur den einfachen Weg wählen? Du wartest immer darauf, dass man zu dir kommt. Dein Diplom sollte man dir doch bitte einfach geben, weil du so schlau bist. Aber so schlau bist du nicht. So nicht.
PETER: Hör auf.
FREUNDIN: Nein, werd ich nicht. Du hast nie für etwas gekämpft. Wenn ich gehen würde, du würdest nicht einmal für mich kämpfen. Wir sind 4 Jahre zusammen und ich weiß dass du nicht um mich kämpfen würdest.
PETER: Das ist nicht wahr.
FREUNDIN: Ach nein?
PETER: Nein.
FREUNDIN: Dann beweis‘ es!
PETER: Was meinst du?
FREUNDIN: Das geht so nicht weiter. Ich will mich nicht mein ganzen Leben lang um dich kümmern. Du bist ein erwachsener Mann und trotzdem muss ich mich um alles kümmern. Ich mag nicht mehr. Ich mag dich nicht mehr an Termine erinnern, ich mag nicht mehr hinter dir her räumen und ich mag dich nicht mehr vom Computer ins Bett ziehen müssen. Wann hast dich zu letzten mal um mich bemüht? Blumen, ein nettes Wort oder nur deinen Dreck wegräumen, einmal nur deinen Dreck wegräumen bevor ich zu dir komme. Ich mag nicht mehr, Peter. Das wars.
PETER: {weint} Ok.
FREUNDIN: {weint} Da siehst du. Ich habs doch gesagt.
2.12. Harlekin
{Tanzt, macht faxen, turnt herum. Währenddessen geschieht Upstage der Umbau für die nächste Szene. Musik}
2.13. Anna, Freund, Svenja
[Wohnzimmer von ANNA & FREUND]
ANNA: Lass, ich geh schon.
{ANNA öffnet die Tür, SVENJA kommt herein}
SVENJA: Hallo Schwesterherz! {umarmt sie} Ich hab tolle Nachrichten! Ich bin schwanger! {umarmt sie noch mal} Ist das nicht toll? Ich werde Mama! Ich werde Mama!
ANNA: {perplex} Mama? Wie? Wer? Von wem?
SVENJA: Und du wirst Tante!
ANNA: Svenja, ernsthaft. Von wem ist das Kind?
SVENJA: Ist das wichtig? Das ist unwichtig! Ich werde Mutter!
ANNA: Was hast du genommen!
SVENJA: Nichts.
ANNA: Du lügst.
SVENJA: Nur ein klein bischen!
ANNA: Was?
SVENJA: E. Nur ein bisschen.
ANNA: Bist du wirklich schwanger?
SVENJA: {holt einen Schwangerschaftstest heraus} Ja, schau! Zwei Streifen!
FREUND: Wollt ihr euch nicht hinsetzen?
ANNA: Ja, komm erstmal ganz rein.
{Sie setzen sich}
SVENJA: Ist das nicht geil? Das ist total geil!
ANNA: Der Vater war ein Freier, nicht war?
SVENJA: Nein, das war Tony.
ANNA: Tony ist seit drei Monaten in Wien.
SVENJA: Na und. Tony liebt mich!
ANNA: Du musst abtreiben lassen.
SVENJA: Spinnst du! Bist du total bekloppt? Ich hab gedacht du freust dich für mich! Ich werde Mama, Anna! Mama!
ANNA: Schau dich doch an. Du hast keinen Job, das einzige Geld das du verdienst, verdienst du im Puff. Du hast keinen Mann. Du kannst kein Kind kriegen. Du kannst dich um kein Kind kümmern. Und nicht zu vergessen die Drogen.
SVENJA: Ich hör mit den Drogen auf! Und ich such mir nen Job. Als Kassiererin im Supermarkt! Oder ich werd Schauspielerin!
ANNA: Svenja, Nein!
SVENJA: Anna, bitte, ich brauch dich jetzt! Ich will das! Ich hab darüber nachgedacht und ein Kind wird alles besser machen! Ein Kind wird mich besser machen! Außerdem ist Abtreibung Mord!
ANNA: Das ist doch alles Unsinn. Du kannst kein Kind kriegen! Wenn ich kein Kind kriegen konnte, dann du erst recht nicht! Du bist eine drogenabhängige Nutte!
SVENJA: Bin ich nicht! Ich mach das nur wenn ich unbedingt Geld brauche!
ANNA: Das ändert doch nichts an der Sache, Svenja. Du kannst kein Kind versorgen!
SVENJA: {weint} Du kannst mir helfen?
ANNA: Die Mutter sollte sich um das Kind kümmern. Ich nehm dir das nicht ab. {Pause} Du solltest wirklich abtreiben. Komm, ich geh mit dir zum Arzt.
SVENJA: Du bist bloß eifersüchtig, dass ich ein Baby bekomme und die Männer auf mich stehen, während du doof und frigide bist! Meine frigide Schwester! Glaubst du ich weiß nicht was zwischen euch abgeht? Oder besser nicht abgeht! Ich wette ihr habt seit Wochen nicht mehr gefickt. Du warst schon immer prüde! Und deshalb bist du noch nicht schwanger, weil du zu frigide zum ficken bist! Ich krieg mein Baby! Ich werde Mama!
ANNA: Svenja, bitte
SVENJA: Du kannst mich mal! Ich lass mein Baby nicht wegmachen, so wie du! Ich bin anders als du! {geht}
ANNA: {weint}
FREUND: {legt den Arm um sie} Wie du?
ANNA: Was?
FREUND: Sie hat gesagt, sie würde nicht abtreiben, wie du?
ANNA: Sie spinnt.
FREUND: Das glaub ich nicht.
ANNA: Lass mich in Ruhe!
FREUND: Hast du abgetrieben?
ANNA {schweigt}
FREUND: Du hast abgetrieben. Oh Gott. War es von mir. Oder war es früher.
ANNA: Das verstehst du nicht!
FREUND: Also war es von mir. Was gibt es da zu verstehen. Du hast mein Kind abgetrieben! Und ohne mir irgendwas zu sagen.
ANNA: Bitte, lass uns nicht davon reden.
FREUND: Oh, und wie wir darüber reden. Wann war das, warum? Warum hast du das getan? Anna, warum hast du mein Kind abgetrieben! Du weißt ich wollte immer Kinder, du schreibst sogar Kinderbücher! Anna! Anna, rede mit mir! Sag was! Ich hab dich was gefragt! Antworte mir verdammt nochmal! Warum Anna? Warum?
ANNA {weint}
FREUND: {stößt sie von sich, rennt aus der Wohnung}
ANNA {weint}
2.14. Harlekin
{Tanzt, macht faxen, turnt herum. Währenddessen geschieht Upstage der Umbau für die nächste Szene. Musik}
2.15. Harlekin, Anna, Peter
{ANNA und PETER liegen am Boden}

HARLEKIN: {wirft ein Smint ein}
Spieglein, Spieglein an der Wand,
du zeigst mir mein inn’res Land
nimmst mich fest bei meiner Hand,
machst mich mit mir selbst bekannt.
Schwarzes Spieglein in der Nacht
hast mir Bitt’res mitgebracht
vielerlei hab ich gemacht
nie mehr wieder dran gedacht
Spieglein schwarz ist dein Gesicht
bist der Seele Blutgericht
aus dem Menschenekel spricht
wer dich sieht, der liebt sich nicht.

HARLEKIN: {schweigt das Publikum an} So ist denn alles, was ihr langweilig, banal, kurz das Leben nennt mein eigentliches Element. Vorhang, verdammt! {Vorhang fällt.}
3. Akt
3.1. Harlekin
[Bühne]
HARLEKIN: Fragen Sie sich auch manchmal warum ich das tue? Man hat mir einmal gesagt ich wäre willkürlich. Vielleicht heißt das ja nur, dass ich Ihnen auf diese Frage keine Antwort geben kann, die Ihnen gefallen würde. Aber das ist ja nicht so schlimm. So etwas passiert Ihnen doch die ganze Zeit über. Waren sie heute einkaufen? Haben sie die Kassiererin mal gefragt warum sie das tut? Es reicht ihnen doch, dass sie es tut. Sie erwarten nicht mehr, weil sie es gewohnt sind, dass da eine Kassiererin sitzt und ihr Geld entgegen nimmt. Das ist normal, das bedarf keiner Erklärung. Erst wenn jemand etwas schlimmes tut, etwas ungewöhnliches oder etwas, dass einem Beobachter den bitteren Geschmack der Betroffenheit in den Mund legt, dann fragen Sie sich unwillkürlich warum sie das tut. Es ist beinahe als wäre ihnen das Banale fraglos bis ihnen das Fragwürdige banal wird. Wann haben sie denn zum letzten mal eine zufriedenstellende Erklärung bekommen? Verstehen sie warum Josef F. seine Tochter in den Keller gesperrt und vergewaltigt hat? Verstehen sie warum Klaus und Elfriede von Nebenan das nach spielen und davon geil werden?
Natürlich nicht. Was sie von einer Erklärung erwarten ist doch nur, dass das Fragwürdige in ihre kleine fraglose Welt eingepasst wird. So wie die Kassiererin im Supermarkt. Sie wollen alles zu Kassiererinnen machen! Kassiererinnen! Kassiererinnen!
Anna hat einmal als Kassiererin gearbeitet. Sie hatte 8 Kolleginnen und einen Chef. Ist das wichtig?
{zuckt mit den Schultern}
Darf ich ihnen einen Gedicht vortragen? {wartet}
Ich habe gefragt ob ich ein Gedicht vortragen darf?

{Publikumsreaktionen}

HARLEKIN: Also bitte. Sie müssten doch wissen, dass im Skript steht, ob ich ihnen ein Gedicht vortragen werde oder nicht. Sie können doch als Zuschauer nicht entscheiden was auf der Bühne passiert.
{räuspert sich}
Deine Küsse, deine Brüste, deine Arme
Pressen noch lüstewarm meinen Leib.
Dein Blut, dein Fleisch
Ruht noch lüstewarm an mir.
Meine Schritte schallen,
Meine Schritte fallen härter von Stein zu Stein,
Die Erde nimmt mich in ihre Mitte,
Verwundert fällt es mir ein:
Wir lagen draußen im Weltenraum,
Wir beide allein.
{rollt mit den Augen}
Was für ein schlechtes Gedicht. Gut das Max Dauthendey tot ist. {längeres schweigen} Die Luft ist raus.
3.2. Bühnentechniker, Mann
[Einblendung: And now for something completely different: A suit with poetry under his arm.]
{Ein Mann im schwarzem Anzug betritt die leere Bühne, unter seinem Arm hat er einen Kassettenrekorder eingeklemmt. Er bleibt regungslos in der Mitte der Bühne stehen. Ein Bühnentechniker kommt mit einem Stuhl auf die Bühne.}
BÜHNENTECHNIKER: Tut mir leid für die Verspätung.
{Er stellt den Stuhl hinter den Mann, geht ab, Mann setzt sich, nimmt den Kassettenrekorder heraus und drückt play.}
MANN: I saw the worst minds of my generation empowered by
madness, hysterical and well-dressed,
dragging themselves through the political alleys at nightfall
looking for a well-paying position,
devilheaded yuppies burning for the modern heavenly
connection to the starry euro-bill in the machin-
ery of state,

{Er drückt stop., Spult zurück zum Anfang. Drückt wieder play}
MANN: Moloch! {zwei Trommelschläge}
Moloch! {zwei Trommelschläge}
Der Lebenslauf wird vom Personalsachbearbeiter auf Zeitfolgeanalyse (Lückenlosigkeit) und Positionsanalyse (Geradlinigkeit) geprüft.
Lücken im Lebenslauf bedeuten nichts Gutes und werden negativ interpretiert. Viele (unterschiedliche) Arbeitsplätze innerhalb kurzer Zeit lassen auf geringes Durchhaltevermögen oder Schwierigkeiten schließen.
Nichtgradliniger Lebenslauf bedeutet ebenfalls nichts Gutes. Hier wird überprüft, ob Ihr Berufsleben konsequent geplant ist.
Der Lebenslauf ist der Ausschlag für die Einladung zu einem Vorstellungsgespräch. Wenn er wirklich überzeugen soll, sollten Sie ihn möglichst individuell und aktuell auf den angepeilten Arbeitsplatz zuschneiden.
Der Lebenslauf sollte ein knapper, sachlicher Text sein, der alle möglichen Fragen zu Ihrem Werdegang klar beantwortet. Er sollte nicht länger als 2 DIN A4-Seiten lang sein. Ein tabellarisch gestalteter Lebenslauf, ausgedruckt und nicht handgeschrieben, wird heute als Standard bevorzugt.
Moloch! {zwei Trommelschläge}
Moloch! {zwei Trommelschläge}
Bei mehr als zehn Jahren Berufspraxis sollten Sie nur den letzten abgeschlossenen Ausbildungsschritt anführen. Ansonsten alle Schritte inklusive Grundschule.
Geben Sie die Art der Schule oder des Institutes, den Abschluß und beim letzten Abschluß die Abschlußbewertung an. Die Bundeswehr bzw. den Zivildienst mit Datum, Ort, Aufgabe und Waffengattung und letztem Dienstgrad angeben.
Keine Ausbildungsnachweise und Bescheinigungen von Fähigkeiten, die nicht in der Stellenanzeige genannten werden.
Fortbildungsmaßnahmen, wie „Einführung in Windows“ oder „Elektronische Textverarbeitung“ machen Sie lächerlich. Esoterik- oder Töpferkurse können Ihnen alle Chancen nehmen.
Moloch! {zwei Trommelschläge}k
Moloch! {zwei Trommelschläge}
{Er drückt stop, spult zurück zum Anfang. Drückt wieder play}
MANN: {singt} All you need is love, love is all you need.
Beziehungen, insbesondere die zu einem Lebensgefährten, sind ein wichtiger Bestandteil für ein erfülltes und befriedigendes Leben. Andererseits ist die Partnerschaft ein Abenteuer, an dem immer mehr Menschen scheitern. Beinahe 50 Prozent aller Ehen werden wieder geschieden.
Viele von uns haben mit sich selbst große Probleme, wieso sollten sie dann in einer Beziehung mit einem anderen Menschen, der auch seine Probleme mit in die Partnerschaft bringt, glücklich sein? Beziehungsprobleme sind unausweichlich. Und dennoch: Eine Partnerschaft muss keine Lotterie sein, in der Männer ihre Freiheit und Frauen ihr Glück aufs Spiel setzen.
{singt} All you need is love, love is all you need.
Es ist möglich, eine dauerhafte und befriedigende Beziehung zu führen und ernsthafte Partnerschaftssprobleme zu vermeiden, wenn es uns gelingt, den richtigen Partner zu finden und wir der richtige Partner sind.
{singt} All you need is love, love is all you need.
Wenn Ihre Partnerschaft gedeihen soll, dann müssen Sie und Ihr Partner sich darum kümmern. Sich darum zu kümmern bedeutet nicht, jeden Tag endlose Gespräche zu führen und alles auszudiskutieren. Es geht vielmehr darum, immer mal wieder zu prüfen, ob man etwas vermisst oder ob es Gewohnheiten am anderen gibt, die einen stören.
Gelegentliche Beziehungsprobleme und Streitereien sowie daraus resultierende Beziehungskrisen sind normal und gehören zum Beziehungsalltag. In Gefahr ist eine Beziehung und Liebe nur dann, wenn man permanent das Gefühl hat, mehr zu geben, als zu bekommen. Dann ist der Zeitpunkt für ein klärendes Gespräch oder gar für eine Trennung gekommen.
{singt} All you need is love, love is all you need.
{Mann sitzt, drückt stop und spult zurück, klemmt sich den Kassettenrekorder wieder unter den Arm, sitzt aufrecht und regungslos auf dem Stuhl}
3.3. Mann, Harlekin
HARLEKIN. {AUF, fummelt an Kleidung und Haaren von Mann herum, bewegt seine Arme und Kopf marionettenhaft, reißt den Kassettenrekorder an sich und wirft ihn ins off, tritt gegen den Stuhl, geht an den Bühnenrand, singt} Everybody hurts, sometimes, sometimes everything is grey… {zieht eine Pistole heraus und legt sie dem Mann in den Schoß, geht ab}
MANN {nimmt Pistole in den Mund und erschießt sich.}
3.4. Anna, Harlekin, Peter
[Die Pistole liegt auf der rechten Seite, der schwarze Spiegel auf der linken. ANNA und PETER liegen am Boden. Der Harlekin steht Upstage]

ANNA und PETER {stehen auf, stellen sich Hand in Hand in die Mitte}
HARLEKIN: Warum so ernst.
ANNA und PETER: Der Tod ist nah, ein Leichentuch
aus Asche haben wir schon
bitter auf der Zunge.
ANNA: {zu PETER} Warum lieben wir uns nicht?
PETER: Weil wir nicht wissen wie es geht.
ANNA: Ich habe mein erstes Kind mit 19 abgetrieben, weil es das Ergebnis einer Vergewaltigung war. Es war mein Ex-Freund. Ich hatte mit ihm Schluss gemacht, weil ich nicht mehr mit ihm schlafen wollte. Auf einer Party sah er mich eine Freundin küssen. Das wollte er mir austreiben. Warum verletzen Männer immer Frauen?
PETER: Weil wir abhängig sind von euch.
ANNA: Warum wird man vergewaltigt?
PETER: Aus Hilflosigkeit.
ANNA: Das glaube ich nicht.
PETER: Ich bin hilflos.
ANNA: Hast du vergewaltigt.
PETER: Ich weiß nicht.
ANNA: Wie ist das möglich.
PETER: Vielleicht habe ich vergewaltigt ohne es zu merken, weil es mir verschwiegen wurde.
ANNA: Du hättest es gemerkt.
PETER: Wie kann ich mir sicher sein?
ANNA: Ist sie bei dir geblieben?
PETER: Viele Opfer bleiben bei ihren Peinigern.
ANNA: Weil wir abhängig sind von euch.
PETER: Warum verletzen Männer immer Frauen?
ANNA: Um Kinder zu machen.
PETER: Kinder sind die Zukunft.
ANNA: Kinder sind der Tod.
PETER: Du hast ein zweites Mal abgetrieben.
ANNA: Ich war schon zwei Jahre mit ihm zusammen.
PETER: Das ist kein schlechtes Vorzeichen.
ANNA: Ich wollte nicht werden wie meine Mama. Er hätte mich verlassen, wenn ich fett und häßlich geworden wäre.
PETER: Das ist nie der Grund, warum man verlassen wird.
ANNA: Ich habe Angst, dass ich das Kind behandle wie meine Mutter mich behandelt hat. Ein Kind hat Glück verdient.
PETER: Kannst du jemandem Glück schenken?
ANNA: Meine Schwester hat kein Kind zu bekommen. Dieses Kind wird so werden wie sie. Oder so wie ich.
PETER: Warum willst du sterben?
ANNA: Ich will sterben weil es mich und mein Leben nicht noch einmal geben soll.
PETER: Und wie, wenn dir eines Tages oder Nachts, ein Dämon in deine einsamste Einsamkeit nachschliche und dir sagte:
HARLEKIN: Dies Leben, wie du es jetzt lebst und gelebt hast, wirst du noch einmal und noch unzählige Male leben müssen; und nichts wird Neues daran sein, sondern jeder Schmerz und jede Lust und jeder Gedanke und Seufzer und alles unsägliche Kleine und Grosse deines Lebens muss dir wiederkommen, und Alles in der selben Reihe und Folge – und ebenso diese Spinne und dieses Mondlicht zwischen den Bäumen, und ebenso dieser Augenblick und ich selber. Die ewige Sanduhr des Daseins wird immer wieder umgedreht – und du mit ihr, Stäubchen vom Staube!
ANNA: {wirft sich nieder und verflucht den HARLEKIN} Nein! Nein! Nein! Elender! Fluch über dich und deine Kinder und deiner Kinder Kinder! Fluch! Fluch! Fluch!
PETER: {tritt zu ihr, hilft ihr auf, beide sind wieder ruhig, gehen zurück ans Fenster}
ANNA und PETER: Der Tod ist nah, ein Leichentuch
aus Asche haben wir schon
bitter auf der Zunge.
PETER: Warum habe ich nie etwas erreicht?
ANNA: Weil die Sieger von ihren Verlierern abhängig sind.
PETER: Warum bin ich ein Verlierer.
ANNA: Der freie Mensch muss sich planen, sein Leben entwerfen. Es gibt gute und schlechte Entscheidungen und er muss entscheiden.
PETER: Ich verstehe. Ich habe mich schlecht entschieden.
ANNA: Du bist schuld.
PETER: Ich wusste nicht wie ich es hätte richtig machen sollen.
ANNA: Unwissenheit schützt vor Strafe nicht.
PETER: Ich verstehe. Ich hätte es wissen müssen.
ANNA: Verlierer geben auf, weil Sieger gewinnen.
PETER: Das verstehe ich nicht.
ANNA: Du musst Leistung zeigen. Leistung muss sich wieder lohnen.
PETER: Was hat das damit zu tun.
ANNA: Wenn du das nicht verstehst, dann ist bereits klar, dass du nie etwas erreichen wirst.
PETER: Ich verstehe. Verlierer leisten nichts, Gewinner leisten alles.
ANNA: Und du willst mich retten.
PETER: Nein. Das kann ich nicht leisten.
ANNA: Du hast alles aufgegeben.
PETER: Weil ich nie etwas erreicht habe.
ANNA: Warum hast du nie etwas erreicht?
PETER: Weil ich alles aufgegeben habe.
ANNA: Warum willst du sterben?
PETER: Ich will sterben weil ich das Leben nicht leisten will.
ANNA: Dazu fällt mir kein Zitat ein.
HARLEKIN: {zuckt mit den Schultern.} Dies ist eben ein schlechtes Stück von einem untalentierten Autor.
PETER: {zuckt mit den Schultern} Meinetwegen.
HARLEKIN: {führt die beiden vor das Fenster} Damit wäre das Rätsel also gelöst.
ANNA und PETER: Ja.
HARLEKIN: Wie flach.
ANNA: So sind wir.
PETER: So sind wir.
HARLEKIN: Warum seit ihr so?
ANNA und PETER: Wir sind keine Personen.
HARLEKIN: Sondern?
ANNA: Wir sind Fragmente, zusammengesetzt um kein Bild zu ergeben.
PETER: Wir sind harmlose Fiktionen, unausgearbeitet und ohne Geschichte.
ANNA: Wir sind Fragmente des Leids.
PETER: Wir sind Fragmente der Lust.
ANNA und PETER: Wir sind Sätze in einer langen Anklage.
HARLEKIN: Und was bin ich?
ANNA und PETER: {schweigen, fallen auf die Knie und sinken zusammen}
HARLEKIN:
Spieglein, Spieglein an der Wand,
du zeigst mir mein inn’res Land
nimmst mich fest bei meiner Hand,
machst mich mit mir selbst bekannt.
Schwarzes Spieglein in der Nacht
hast mir Bitt’res mitgebracht
vielerlei hab ich gemacht
nie mehr wieder dran gedacht
{tritt den Spiegel von der Bühne}
Spieglein schwarz ist dein Gesicht
bist der Seele Blutgericht
aus dem Menschenekel spricht
wer dich hört, der liebt sich nicht.
Spieglein, Spieglein an der Wand
ja was haben wir gelacht
im Theater weint man nicht {singt und klatscht} im Theater weint man nicht, im Theater weint man nicht,… {tanzt langsam an den Bühnenrand, AB}
3.4. Anna, Peter, Mann
MANN: {AUF} Ich habe zweiundsechzig Semester Philosophie studiert und heute kann ich nicht mehr schlafen.
Jede Nacht um drei Uhr liege ich wach und frage mich ob ich Opfer oder Täter bin.
Ich kenne hundert Antworten auf diese Frage und zu jeder Antwort hundert Gründe.
Aber ich kann nicht schlafen.
Jede Nacht um drei Uhr dreißig liege ich wach und frage mich, wie ich erreichen kann, was von mir erwartet wird, aber ich kenne nicht das Ganze dessen, was von mir erwartet wird. Ich kenne nur Fragmente, die kein Bild ergeben und unter denen es solche gibt, die sich gegenseitig ausschließen.
Ich kenne die dreizehn Gewohnheiten erfolgreicher Menschen.
Aber ich kann nicht schlafen.
Jede Nacht um drei Uhr fünfundvierzig liege ich wach und frage mich wie es sein wird, allein und arbeitslos zu sterben.
Die Philosophie ist kein Balsam für die Seele. Die Philosophie ist ein Schmirgelpapier, sie ist eine Käsereibe. Die Philosophie ist kein Kuscheltier, sie ist ein Kaktus. Sie ist keine Antwort. Sie ist eine Frage.
Und ich kann nicht schlafen.
Jede Nacht um drei Uhr zweiundfünfzig und dreißig Sekunden liege ich wach und frage mich ob es überhaupt einen Unterschied macht, ob unsere Entscheidungen begründet oder verursacht sind.
Ich habe neuntausendvierhundertundsiebenundzwanzig Seiten darüber gelesen. Man kann sagen ich kenne die Literatur.
Aber ich kann nicht schlafen.
Jede Nacht um drei Uhr sechsundfünzig und fünfundvierzig Sekunden liege ich wach und phantasiere darüber, wie es wäre glücklich zu sein.
Ich habe keine Antwort, ich verstehe nicht einmal die Frage richtig, Ich möchte mit dir schlafen, aber ich schlafe nicht mit dir und ich kenne zwar den Grund dafür, aber es fühlt sich anders an als es sich denkt. Ich masturbiere, eingeschwitzt in zwei Schichten Laken unter denen es zu warm und ohne die es zu kalt ist. Auf dem Boden vor meinem Bett sammeln sich die Taschentücher.
Aber ich kann nicht schlafen.
Jede Nacht um drei Uhr achtundfünfzig und zweiundzwanzig einhalb Sekunden liege ich wache und Frage mich wann es vier Uhr wird. Ich schalte den Fernseher ein. Ich schalte den Fernseher aus. Es läuft jedes mal dieselbe Werbung. Ich nehme mein Telefon und lege es unter mein Kissen.
Aber ich kann nicht schlafen
Jede Nacht um drei Uhr neunundfünzig und elf einviertel Sekunden erinnere ich mich daran, dass ich von philosophischen Zitaten umgeben bin wie ein Komma von Wörtern. Ich beobachte eine Spinne in der Ecke meines Zimmers, ich nenne sie Dieter oder Guido.
Aber ich kann nicht schlafen.
Jede Nacht um drei Uhr neunundfünfzig und fünfundreißig fünf achtel Sekunden weiß ich, dass es niemals vier Uhr werden wird.
Jeden Morgen um sieben Uhr fünfzehn wache ich auf und bin sehr müde.
{MANN erstarrt}
3.5. Harlekin, Anna, Peter, Mann
HARLEKIN {Auf}
HARLEKIN, ANNA und PETER: {singen im Kanon}
Schlaf mein Kindlein, schlafe ein
Die Nacht, sie schaut zum Fenster rein
Der runde Mond hat dich so gerne
und es leuchten dir die Sterne
Schlaf mein Kleines, träume süß
bald bist du im Paradies.
{ANNA und PETER werden leiser, singen aber weiter.}
HARLEKIN: Muss denn immer der Morgen wiederkommen? Endet nie des Irdischen Gewalt? unselige Geschäftigkeit verzehrt den himmlischen Anflug der Nacht. Wird nie der Liebe geheimes Opfer ewig brennen?
{ANNA verstummt, PETER singt ganz leise weiter}
ANNA: Wer bist du?
HARLEKIN: Unter Umständen rätst du’s!
{HARLEKIN und MANN beginnen „Freude Schöner Götterfunken“ zu singen. Harlekin reißt erst Anna, dann Peter hoch. Diese fallen in den Gesang ein. Mit Ende des Gesangs endet die Szene}
4. Akt
4.1. Niemand
{ Einblendung: „Währenddessen zurück in der wirklichen Welt“}
{Dem Publikum ist eine Montage des gegenwärtigen Tagesgeschehens zu zeigen}
4.2. Anna, Peter
[Dach, ANNA und PETER liegen auf ihren jeweiligen Dächern. Morgen]
PETER: {stöhnt} Mir ist schwindelig.
ANNA: Ich glaub ich muss kotzen.
PETER: Alles ok bei dir?
ANNA: {schaut ihn irritiert an, läuft dann zum Hausrand und übergibt sich in die Tiefe}
PETER: Besser?
ANNA: Ein bisschen.
PETER: Gut
ANNA: Und dir.
PETER: Mir sind die Finger eingeschlafen.
ANNA: Das klingt nicht gut. Vielleicht solltest du zum Arzt.
PETER: Und was erzähl ich dem?
ANNA: Dass dir jemand Drogen gegeben hat.
PETER: Genau.
ANNA: So wars doch.
PETER: Du solltest dich auch untersuchen lassen. Wer weiß was das für Zeug war.
ANNA: {zögert} OK
PETER: Dann gehen wir. {Pause} Weißt du wo ein Krankenhaus ist?
ANNA: Ja, ich bring dich hin.
PETER: Ja, lass uns gehen.
{beide gehen zu den Treppenhäuschen, PETER findet seines verschlossen vor.}
PETER: Ich kann nicht, die Tür ist zu.
ANNA: Die Tür ist zu?
PETER: Die Tür zum Treppenhaus. Ich glaub, ich komm nicht mehr vom Dach runter.
ANNA: Kannst du sie aufbrechen?
PETER: Ich versuchs. { er versucht es, erfolglos} Es geht nicht, das ist eine Sicherheitstür.
ANNA: Kannst du rüber springen?
PETER: Zu dir?
ANNA: Ja, kannst du zu mir kommen?
PETER: {geht zum Abgrund} Ich weiß nicht, es ist sehr hoch.
ANNA: Das sind höchstens zwei Meter, dass kannst du springen.
PETER: Ich habe Angst.
ANNA: Ich fang dich, helf dir hoch.
PETER: Anna, ich … OK. Ich spring jetzt.
ANNA: { streckt die Arme aus, bereit ihn zu fangen.}
4.3. Anna, Peter, Harlekin
{AUF: HARLEKIN, Downstage, klatscht in die Hände, die Zeit auf der Bühne hält an}
HARLEKIN: Nun also ist es soweit, die Spannung steigt, gleicht bricht sich die Liebe bahnt und fegt alle Fesseln der Logik davon. Jetzt ist jeder Abgrund zu bewältigen, jeder Sprung zu machen, für diesen ersten Kuss. Ach, der erste Kuss. Ich erinnere mich an meinen ersten Kuss. Es war mit einer russischen Nutte im Schützengraben in Stalingrad. Ich hatte mir gerade den Fuß abgeschnitten, weil er Faul geworden war. Sie hatte nur noch die Hälfte ihrer Schneidezähne. Die anderen hatte ihr der Genosse Oberfähnrich am Tag davor ausgeschlagen. Sie schmeckte nach Blut und Schmerzen. Und ist das nicht seit Alters her das Wesen der Liebe? Blut und Schmerzen? Hat nicht Gott der Herr die sündige Eva verflucht unter Schmerzen zu gebären? Und ist nicht Fortpflanzung der eigentliche Urgrund der Liebe? Ach ja, es ist so schön, wie Romeo und Julia am Balkon, wie Carry und Mr. Big in Paris, wie Conan und die rote Sonja wird er ihr gleich in die Arme fallen und sie küssen sich. Dann wird das ganze häßliche Stück vergessen und man weiß: Es ist eine Liebesgeschichte und solche Geschichten sind schön. Solche Geschichten liebt das Publikum.
Aber Sie sind anders. Ja? Sie brauchen die intellektuelle Stimulation, sie gehen lieber zu Sarah Kane als zum Heimattheater. Nicht wahr? Sie brauchen keine Happy Ends. Happy Ends erinnern sie an Hollywood und nichts ist so schlimm wie eine Romantikkommödie. Sie sind ein B Publikum, ohne Wunsch nach dem warmen Gefühl des Happy Ends. Oder sind sie doch ein A Publikum? Sehnen sie sich im Anschluss an all de´n hochgestochenen Unfug, nach all den intertextuellen Anspielungen, von denen sie höchstens eine Handvoll mtibekommen, geschweige denn verstanden haben, nach etwas schönem? Vielleicht möchten sie einfach sehen, wie sich zwei Schauspieler küssen, die sich nicht lieben. Ob sie es überzeugend machen. Ob die Funken fliegen, ob da nicht vielleicht doch eine Spannung zwischen ihnen ist. Lange auf der Bühne unterdrückte Gefühle die plötzlich und spontan in dieser einen, unvergesslichen Kussszene Ausdruck finden.
Ich sage ihnen etwas, heute Abend folgen wir nicht dem Buch, heute lehnen wir uns gegen das Diktat des Autors auf. Heute machen wir Demokratie. Sie entscheiden! Heben sie die Hand, wenn sie wollen, dass sich Peter und Anna küssen! {zählt die Hände, notiert die Anzahl} Sehr schön. Und jetzt heben sie die Hand, wenn sie kein Happy End wollen. {zählt, notiert, verliest das Ergebnis} Also dann. {kaltscht, Bewegung kommt in die Szene}
4.4.A (Happy End) Anna, Peter, Harlekin
ANNA: Kommst du rüber.
PETER: Ok.
{beide treten an den Abgrund zwischen den Häusern.}
PETER: Ganz schön tief.
ANNA: Das ist kein Abgrund. Du bildest dir den Abgrund nur ein. Du kannst einfach herüber kommen.
PETER: {setzt einen Fuß auf den Abgrund, die Bühne trägt ihn, er geht hinüber.}
{Sie fallen sich in die Arme, nähern sich einander an um sich zu küssen. Frieren jedoch vorher ein}
HARLEKIN: {zum Publikum} Alles nur Theater.
ENDE

4.4.B (Sad End) Anna, Peter, Harlekin
ANNA: Kommst du rüber?
PETER: Ok.
{beide treten an den Abgrund zwischen den Häusern.}
PETER: Ganz schön tief.
ANNA: Das ist kein Abgrund. Du bildest dir den Abgrund nur ein. Du kannst einfach herüber kommen.
PETER: {springt auf den Abgrund und fällt um}
ANNA: Nein! {sinkt auf die Knie und weint.}
ANNA: {steht wieder auf, geht über den Abgrund auf die Rechte Seite, hebt die Pistole auf}
{zum Publikum} Ihr habt Peter getötet, ihr Schweine. {schießt ein paar mal in die Menge}
{zu PETER} Bist du nicht, will auch ich nicht sein! {erschießt sich}
HARLEKIN: {zum Publikum} Alles nur Theater.
ENDE

This work is licensed under the Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International License. To view a copy of this license, visit http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en_US.

Darüber hinaus ist jede nichtkommerzielle Aufführung, auch in Auszügen unter oben genannten Bedingungen (CCASA 4.0 International) gestattet.

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~ von gedichtblog - 23. Januar 2014.

3 Antworten to “Ein Teil von jener Kraft”

  1. Hmmm… was soll das?! :-( Ich habe mich sooo gefreut! o_O

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