Nachtland (Poetry in Motion Beitrag 2015)

Zuerst sind mir die Fahnen aufgefallen.
Die haben sich vermehrt, sind auf den Autos gewachsen, wie Pilze.
Aber ein Pilz ist nicht der Fruchtkörper,
dieser fahle Auswuchs, der aus dem Boden bricht.
Der eigentliche Pilz, ist das tiefe Myzel, das ungesehen,
unter der Oberfläche wächst und gedeiht.
Wenn man die Fruchtkörper sieht, die sich nach draußen wagen,
dann ist es schon zu spät.
Dann ist der Pilz schon überall.

Ich glaube ich weiß noch, wie es war,
als ich noch keine Angst hatte.
Man vergisst gerne, dass man in Deutschland lebt.
Das ist ein gutes Vergessen.
Sich an Deutschland zu erinneren und dann deutsch zu sein,
das ist als würde einem ein Arm fremd
und ein halbes Gesicht.
Auch ich habe gehofft,
dass ein anderes Deutschland möglich ist.
Aber man bekommt den Pilz nicht aus dem Boden
und man bekommt das Deutsche nicht aus Deutschland.
Was einmal im Wald
bei Weimar ohne Licht war
gellt durch die Innenstädte
und ist eine Dunkelheit und Rus auf den Augen
Sie werden weiter marschieren.
Deutschland Deutschland
der Deutschen.

Diese Deutschen,
ich fürchte mich vor ihnen,
vor denen in denen Deutschland so groß ist,
mehr als ein Arm und ein halbes Gesicht,
die es am Herzen haben und denen es
ätzend und gallig aus der Kehle bricht.
Deutschland Deutschland.
Wo immer es deutscht,
da hitlert es auch bald.

Denn es steckt tief im Boden,
der da faulig ist
von all dem Blut
und bitter von der Asche
die der frische Ostwind
hat herbei, hat zurück geweht.

Die Ernten langer Brandopfer,
mit deutschem Sinn und deutschem Willen
unter die Erde gebracht,
sind ein Dünger geworden,
ein Pilzmal.
Denn Deutschland, das ist ein Friedhof.
Und auf den abermillionen Knochen
wuchern Pantherpilze frei und wild.

Und jetzt ist die dunkle Erde
voller Fäden, und es reckt sich
und zeigt sich und blüht zur Pilzmahd.

Und aus vollgestopften Mäulern schreit es
Deutschland, Deutschland.
Abendland
Nachtland

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~ von gedichtblog - 10. April 2015.

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