Ich habe Angst.

Ich habe Angst.
Jeden Tag. Jede Stunde.
(Ich bin nicht der Einzige)
Manchmal kann ich sagen, wovor ich Angst habe.
(Ich bin nicht der Einzige)
– Armut, Arbeit, Arbeitslosigkeit, Polizei, Abstieg, Einsamkeit, Auschluss,
Hässlichkeit, Krankheit, Schuld, Versagen –
(Ich bin nicht der Einzige)
aber die Wahrheit ist,
dass es egal ist, wovor ich Angst habe.
Das eine Ungeheuer ist so gut wie das Andere.
Und alle sind alte Schatten.
Das neue
(Ich bin nicht der Einzige)
ist die Gotthaftigkeit der Angst,
die überall ist,
weil ich stets sichtbar bin,
die alles weiß
und mein Handeln schon vorweg nimmt,
die meine Welt erschafft,
als eine nicht enden wollende Prüfung,
(Ich bin nicht der Einzige)
der ich allein gegenüber stehe.
Und dies ist die Welt der Angst:

Die Enge der weiten Orte.
Darin die Abwesenheit eines Endes.

Die unsichtbaren Fäuste und zerrenden Griffe.
Darin der Zwang geleugneter Gewalt.

Die Augen der Anderen.
In denen man Selbst sein muss.
(Ich schließe die Augen um zu sehen)

Die Bilder des Sollens.
Bestialische Titanen, sie flüstern unablässig.
(Ängstliche, hörst du sie nicht?)

Die Maschinen der Verwaltung.
Darin die strafenden Regeln.
(Beurteilter, dein Urteil ist das Urteil der Regeln)

Der Teppich der Verantwortung.
Darin die Geisel aus Scham und Schuld.
Kein Meter Boden, das er nicht bedeckte.
(Wandernde, er wächst aus deinen Füßen)
Wer hat ihn dort hinein gepflanzt?

Meine Füße sind zerschnitten
(Unter dem Teppich stehen Messer)
vom langen Pilgergang
– nur noch einen Schritt –
(Stolpernder, ewig kann nicht Winter sein)
bei jedem Schritt
– So denken Erfolgreiche: sieh niemals auf deine Füße –
Es ist kein Wandern,
kein Pilgern,
kein Suchen,
(Ich bin nicht der Einzige)
kein Werden,
ein Fortschreiten

„Sieh nach Vorne!“
– Dort laufen die Besseren, hole sie ein!

„Sieh nach Hinten!“
– Das Pack ist nahe, es greift schon nach dir!

„Sieh zur Seite!“
– Abgefallene am Straßenrand, von Lumpen umarmt, nach Ekel stinkend.

Entlassen in die Freiheit des Marktes
(Ich bin nicht der Einzige)
ist die harte Hand des Herrschers
(Ich sehe keine Schwerter)
ein Gespenst geworden
– Dies ist das Geheimnis:
Das Gespenst hat zwei Seiten
Besessenheit und Poltergeist –

Es ist ein Atmen,
in mir und außerhalb meiner
Selbst
(Atmende, riechst du es nicht?)

Ich habe Angst.
Jeden Tag. Jede Stunde.
(Ich bin nicht der Einzige)
Es ist die Angst in der Ordnung der Angst
(Ich bin nicht der Einzige)
Es ist die alles umfassende Angst
(Ich bin nicht der Einzige)
Es ist die Angst vor dem Sichtbarwerden der Angst.
(Ich bin nicht der Einzige)
Es ist die Angst vor den Augen der Anderen.

Und jeder Schritt verspricht mir: Dieser noch,
dann ist die Angst vorbei.
Und jedes Bild verspricht mir: Dieses noch,
dann kommt das Gute.

Ich habe Angst.
Jeden Tag. Jede Stunde.
Ich atme sie ein
– Angst ist die Ordnung der Welt
Ich atme sie aus
– Angst ist der Raum zwischen uns

(Sie kann nicht sein, außer in einer Welt, die nach ihr und durch sie geordnet is, einer Welt, in der die Bedingung der Angst des Einzelnen, die Angst aller ist. Sie verlangt unsere Mitarbeit.
Ich weiß nicht, ob wir uns ohne Angst ansehen können. Aber hier ist meine Hand, meine sichtbare, offene Hand. Sie ist krumm und geschunden, die Nägel ungepflegt und die Nagelbetten entzündet. Ich weiß nicht, ob ich meine Hand ausstrecken kann, ohne dass sie von gespensterhaften Händen umgeben ist. Aber ich weiß ebensowenig, was ich sonst tun könnte und ich versuche keine Angst vor deinem Blick zu haben. Hier also ist meine Hand.)

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~ von gedichtblog - 26. Mai 2015.

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