Die Öffnung

Die Öffnung
Nach einem Motiv von Birgit Bockschweiger

Die Sonne glomm grell und warm über dem Wasser. Libellen tanzten, schimmernden Smaragden und Saphiren gleich zwischen den Halmen, welche den stillen See fast zur Gänze umwucherten. Wo das Schilf sich in kleinen Lichtungen öffenete lagen Steine halb unter Wasser. Einzig an einer Stelle entlang des weit gerundeten Südufers reichte der nackte Sand bis an das Wasser heran. Dort schob sich eine schmale Spur wie die Miniatur einer archaischen Halbinsel in den Raum des Sees, kaum breiter als ein Mensch von Fingerspitze zu Fingerspitze, und der Länge nach in fünf oder sechs Schritten durchquert. Durch diese Öffnung hindurch fiel der Blick auf den sanft ansteigenden Strand, der schließlich zu einem, von dichtem Buschwerk bekrönten Hügel hin auslief. Inmitten des weißen Feldes lag, auf einem ausgebreiteten Handtuch, der nackte Körper eines Mannes.

Glatte Haute glänzte in kunstfertiger Bräune über dem geschmiedeten Verlauf der Muskulatur. Die Zehen lagen auf dem Sand. Die Beine schwangen sich zu einem v-förmigen Po hinauf und hinter dem Tal des Rückens hob sich das breite Kreuz in der rhythmischen Ruhe eines schlafenden Löwen. Das Haar, das, nur einige Millimeter lang, den Kopf bewuchs, war so ausgebleicht, dass es in den Sand überzugehen schien. Ein Fliege, kaum mehr als ein ruckartiger, schwarzer Fleck, landete darauf und warf für eine Minute oder zwei einen winzigen Schatten, bis ein Zucken sie vertrieb. Die Bewegung blieb, so plötzlich und unwillkürlich sie war, sparsam und ihre Kraft verlor sich in den Muskeln des Schultergürtels.

Am Ende des Sandes kam sie auf die Füße. Dem See entstiegen, kühlte das verdunstende Wasser ihre Haut, während der heiße Sand ihre Fußsohlen wärmte. Sie hatte nur eben die kleine Halbinsel hinter sich gelassen, als eine langsame Drehung seinen Leib erfasste. Erst als sie beinahe über ihm stand, ihr Schatten ein kurzer Pfeil zurück zum See, war der Körper so weit gedreht, dass Penis und Hoden, haarlos und so braun wie der Rest von ihm, in die Flut der Sonne getaucht wurden.

„Meine Schönheit.“, fistelte seine Stimme. „Meine Model, meine Blume. Komm her.“
Seine Arm stieß durch die wüste Luft, die Handfläche dem Himmel zugewandt und die Finger gekrümmt. Ein erster, kurzer Wind kam hinzu und löste ein Sandkorn von seinem kleinen Finger, das auf das Handtuch hinab fiel. Ein Lächeln kroch in sein Gesicht.

Sie legte sich, ohne seine Hand zu nehmen, auf den Sand neben dem Handtuch. Sie schloss die Augen und durch ihre Lider hindurch war der Himmel ein einziges, grelles Orange. Sie atmete tief ein und spürte dem Reiben der Sandkörner unter ihr nach.

„Ich denke…“, begann sie. Dann spürte sie den Druck der Hand an ihrer Brust. Das Orange verglomm, ein Schatten glitt zwischen sie und die Sonne. Ihre Wimpern griffen ineinander, nicht weniger kraftvoll als die Hand an ihrer Brust. Eine andere Hand öffnete ihre Beine und ein schwerer Körper schob sich in die aufgetane Bucht.

„Du bist so schön.“, stieß es aus ihm heraus.

„So schön.“, drang es in ihr Ohr.

„So schön.“, tropfte es auf ihr Gesicht.

„So schön.“, schoss es aus seinem Schoß.

Ein Windstoß ging kühlend über ihr Gesicht, als sie unter dem Schatten seines Leibes hervor kam. Sie hielt die Augen geschlossen und den Kopf zur Seite gewandt.

„Das war schön.“, hauchte seine Erschöpfung als seine Schönheit aus ihr heraus rann wie Eiter aus einer Wunde.

Es kam übergangslos in den Schatten ihrer Lider. Eine ungeordnete Mannigfaltigkeit roter und gelber Leuchten, manche blinkend, andere stetig, schuf ein Loch unklaren Lichtes, jenseits dessen eine Welt in Dunkelheit lag. All die Lichtquellen waren wie Pusteln auf der Oberfläche einer Maschine verstreut. Diese Maschine war ein Labyrinth und ein Herz, ein verschlungener und pulsierender Knoten von Rohren und Ketten, Rädern und Fließbändern, ganz und gar aus rostigem Metall und abgewetzten Knochen gewachsen und an allem haftete der Geruch von ödem Schweiß und Sonnenmilch. Dort war auch ein Wirrwarr von Sirren und Dröhnen, Hämmern und Rattern, Zischen und Klopfen, das eine klumpige Sequenz von Crescendo und Diminuendo in die grobe Gestalt eines Herzschlags zwang. Ihr Schritte aber blieben lautlos. Sie ging auf die Maschine zu, ohne sich ihr zu nähern. Sie konnte ihren Blick nicht senken, denn dort war kein Boden, den sie hätte ansehen können. Sie wandte sich ab und drehte sich doch nur um die Maschine herum. Sie sagte ein Gedicht auf und ein zweites und ein drittes. Dann fand sie sich auf einem Fließband wieder. Ihre Finger waren halb aus Gummi und mit dem Band verschmolzen. Maschinenarme senkten sich auf sie herab, Klammern und Zangen und Stempel an ihre Händen.

Sie öffnete die Augen, stand auf und ging zum See hinab. Die Sonne stand tiefer. Das Wasser war kühler. Es wusch um ihre Hüften bevor sie sich hinein gleiten lies und schwamm. Zeit verging. Sie trieb auf dem Rücken, zwei verwachsene Libellen schwirrten funkelnd in ihr Blickfeld und wieder hinaus. Wind kam auf und rußige Wolken stießen in den Himmel. Mit sägendem Heulen brandete die Kakophonie der Maschine gegen die grünen Mauern des Sees. Hastig blickte sie um sich. Wassertropfen stoben umher. Die hohen Halme neigten sich wie Korn vor dem Schnitter, da ging ein Bersten durch sie und in großer Zahl ertranken sie. Der Kreis der beiden Libellen schrumpfte. In einer Wolke schimmernder Splitter waren sie zerknülltes Papier. Als kleiner Stein sank, was übrig blieb, in das tobend aufwühlte Wasser. Sie warf ihren Leib zwischen das gefallene Schilf, um sich schlagend und strampelnd, glitt aus und fiel hart auf die Steine, bis sie endlich das Ufer erreichte. Mit einem Siegesschrei zog sie sich auf halbwegs ebenen Boden und mit jedem Atemzug kamen die Dinge zur Ruhe. Der Himmel hellte sich auf.

Wo sie gelegen hatte, kniete sie nun, die Steine betastend. Dieser war recht. Weder zu groß noch zu klein, schwer genug aber nicht zu schwer, ein unregelmäßiges Oval, an dem Algen wie nasses Haar hingen. Sie erhob sich und in den Blättern war ein verspieltes Wispern, in der Sonne ein Lächeln.

Vom Stein herab tropfte ein wenig Wasser, verfing sich zwischen kurzen, gebleichten Haaren und mit beiden Händen durchstieß sie Haar und Haut und Schädel.

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~ von gedichtblog - 3. Juni 2015.

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