Ausschreitung aus Einsamkeit

Ausschreitung aus Einsamkeit

Rolladen unten. Unsauber. Risse voller Licht. Noch einmal hoch ziehen. Fallenlassen. Als zerbreche etwas. Fast dunkel jetzt. Falle aufs Bett. Die Matratze gibt nach, ich sinke in die flüchtige Halluzination einer Umarmung. Leerer Bettbezug. Das Kissen ist hart . Mein Arm schwach darunter geschoben. Gedanken wie Orkhorden auf der Anhöhe. Ich greife nach der Tastatur, in das Dunkel schwappt der Schein des Monitors. Wenige Handgriffe und ich sehe jemandem beim Spielen zu. Sehe dabei zu, wie er Ungeheuer bekämpft. Der Soundtrack des Spiels und die Kommentare sind Waffen in meiner Schlacht. Ich muss jeden Augenblick die Gedanken zurück treiben. Die Gewissheit und die Fragen, das Trotzdem und das Warum, die Flut einer bitteren Semantik. Ich klammere mich an das gepresste, schweißnasse Kissen, binde mich mit dem doppelten Stoff des Bettbezugs an meiner Insel fest. Irgendwo hinter den Wellen erahne ich die Kontinente der Nacht. Einsamkeit und Fieber haben in mir ihre Grenzen verwischt. Ich fühle mich überfressen ohne einen Bissen hinunter bekommen zu haben. Meine Gliedmaßen sind über Nacht um ein halbes Jahrhundert gealtert.

Ich bestelle einen Vodka und noch einen Vodka. Ich erinnere mich, was meine Mitbewohnerin mir gesagt hat. Ich trinke beide und bestelle einen dritten. Ich bestelle einen vierten und suche mir eine Ecke. Ich muss mich verstecken sonst muss ich mich erschießen. Ich will mich noch nicht erschießen. Mittelalterschlagermusik hängt wie gelogen im düsteren Raum. Menschen reden und es ist noch nicht voll genug, dass sich ihre Worte nicht mehr ausmachen ließen. „Games“, sagt ein eingebildetes Arschloch, „sind die Zukunft. Aber du musst es drauf haben. Es ist ein taffes Business. Swim with the Sharks.“ Ich bohre meinen Finger in heißes Kerzenwachs. „Du brauchts nen Stand auf der CC und auf der RPC und, klingt jetzt vielleicht sexistisch, aber gut aussehende Modells in knappen Kostümen.“ Ich bringt die leeren Gläser zur Theke, hole mir Met. Auf dem Weg starre ich das Arschloch an und stoße mir das Knie. Ich verschütte etwas und meine Ecke ist noch für mich da.

Alles an mir ist schwer und wund. Ich zerschwitze in unregelmäßigen Ausbrüchen. Zwischendurch fallen die Augen zu. Manchmal schlafe ich . Das ist gefährlich. Wenn ich an sie denke werfe ich mich herum, das schüttelt sie kurzzeitig ab. Der Monsterjäger ist bei Folge 5 von 42 angekommen. Er stribt ständig und so wiederholt sich, was ich sehe, aber der Kommentar verändert sich. Manchmal bleibt er aber aus, auf den minutenlangen, immer gleichen Wegen vom Feuer zum Boss. Das ist gefährlich. Ich presse meine Fingernägel in mein Fleisch, beiße meinen Unterarm. Ich verfluche die Antibiotika, die ich nehmen muss, und die Nüchternheit, zu der sie mich zwingen. Ich versuche zu lesen und nach zwei Zeilen fallen meine Augen zu und nach zwei Gedanken reißen sich die Lider wieder auseinander. Als ein Boss stirbt springe ich zurück um mir den letzten Kampf anzusehen und schlafe wieder ein. Als mich das Gespenst ihres Mundes zwischen meinen Beinen wach prügelt ist es Folge 8 und ich muss pissen.

„Arschloch“, sage ich zu dem Arschloch. „Du bist ein Arschloch.“ Ich versuche jede Silbe zu betonen, bekomme aber nur einen lauwarmen Vokalbrei zustande. „Leute wie du gehören ins Gulag.“ Das Arschloch furzt und der Rest der Leute an seinem Tisch empört sich. „Da machst du dann was nützliches oder stehst in scheiße sexistischen Scheißkostümen auf Scheißmessen vor überpri, überprivä, scheiß reichen Scheißkindern, du Arschloch.“ sage ich, um rhetorische Klarheit bemüht. Der Dicke im Hawaihemd ruft nach der Bedienung, aber die ist bereits auf dem Weg. Sie packt mich an den Oberarmen und mein Kopf nutzt die Gelegenheit um sich auf ihre Schulter zu legen, während ich einen kurzen Heulkrampf einschiebe. Als sie mich dann zu meiner Ecke zurück schiebt rufe ich dem Arschloch noch kämpferisch gedachtes „Lenin!“ zu. In meiner Ecke faltet mich die Schwerkraft des Elends quer auf die Bank. „Lenin“ sabbere ich auf den Boden unter dem Tisch, und „Arschloch, blödes“.

Bald darf ich mich betrinken. Dann ist alles besser. So finde ich immer schon in mir vor: sie, nackt oder fast nackt, auf den Knien, auf dem Bauch liegend, verdreht und angespannt in meine Arme gepresst, es erregt mich, ich fasse meinen Schwanz an, stelle fest, dass es meine Hand ist und nicht ihre, nie wieder ihre und unter die Anspannung der Lust schiebt sich ein Bibbern, ein Augen-zusammen-drücken, Gesicht-klein-machen, ein ich-will-nicht-weinen, ein oder zwei Tränen, ein Schluchzen, dass anschwillt und platzt und ein Heulen gebiert. Ich masturbiere dagegen an. Ich denke an andere Frauen. Andere Akte. Ich zwinge mir die Formen anderer Brüste, die Geschmäcker anderer Vulven herbei und wenn ich komme, komme ich in ihrem Mund und ihre Augen schauen mich an und dann weine ich doch.

Die Bedienung entscheidet, dass ich erst mal nichts mehr trinke. Am Arschlochtisch wird über mich geredet. Jemand ist amüsiert, dass ich „Lenin“ gesagt habe. Die Bedienung bringt mir ein Glas Wasser. Was los sei fragt sie und ich verbringe drei Minuten mit zittern, ansetzen, weg drehen, trinken, Gesicht verstecken, nicht weinen und bevor ich es in den Beton eines Satzes gießen kann muss sie wieder weg, andere Gäste, andere Getränke, andere Stimmungen. Ich mach die Augen zu und gehe. Andere Kneipen, andere Getränke, andere Arschlöcher. Vielleicht werfe ich mich auch vor einen BMW.

Als ich wach werde ist der Rechner aus, auf dem Monitor gellt es „Kein Signal!“. Ich krieche aus dem Bett, Schultern und Nacken schmerzen. Im Gang ist grob zu erahnen, dass draußen gerade die Sonne aufgeht. Ich gehe pissen, es landet überall und an meinem Beinen, ich putze es auf, schalte den Rechner wieder an, suche, bis ich eine Stelle im Let‘s Play gefunden habe, die ich noch nicht kenne und versuche dann das Laken dazu zu bringen mich in den Arm zu nehmen. Bald habe ich vergessen, dass es Tag wird, hier bleibt es Nacht.

Am Nachtkiosk kaufe ich eine Flasche Martini, setze mich an den Fluss und wäge die Nachteile des Trinkens gegen die Vorteile des Ertrinkens ab. Hinter mir tröpfelt unregelmäßig und ohne absehbares Ende die ebenfalls betrunkene örtliche Jugend vorbei. Ich höre eklige Fragmente schlechten Hip-hops aus übersteuernden Handylautsprechern, manchmal auch irgendeinen anderen Popsong, Generationen von mir entfernt und voll grotesker Golemlebendigkeit. Niemand singt mit. Statt dessen höre ich immer wieder diesselbe Geschichte mit anderen Namen, jemand geht fremd, jemand macht Schluss, jemand findet jemanden so-und-so. Als ob die Welt aus nichts anderem bestünde.

Als ich mich entschließe aufzustehen ist es neun Uhr irgendwas. Ich schlurfe in die Küche und setze Wasser auf. Meine Mitbewohnerin kommentiert mich mit einer erstaunten, vielleicht mitleidigen Lautäußerung. Ein ganzes Wort bin ich ihr offenbar nicht wert. Ich setze mich vor den Rechner und merke, dass ich mir nichts mehr wünsche, als eine Nachricht von ihr vorzufinden. Statt dessen blockiere ich sie und als jemand ein Photo von ihrem neuen postet auch diese Person und weil ich gerade dabei bin noch ein paar gemeinsame Bekannte und dann schließe ich das Facebook Fenster und entscheide mich nie wieder irgendetwas über sie hören oder sehen zu wollen. Am Ende von Folge 19 gehe ich doch wieder auf Facebook, schreibe eine alte Affaire an, ob sie die Tage mal Zeit hat. Sie fährt morgen drei Wochen in Urlaub, aber an sich gerne, schön von dir zu hören. Blöde Kuh, denke ich mir und masturbiere wieder und beinahe schaffe ich es, nicht an sie zu denken aber am Ende wartet sie doch wieder, als wäre sie nie weg gewesen und ich weiß, dass ich mich niemals so sehr sexuell mit mir ihm Reinen gefühlt habe wie mit ihr und es nur noch bergab gehen kann. Ich schlage mit der Faust auf den Tisch bis die Mitbewohnerin sich beschwert. Dann erstelle ich Accounts bei vier Datingseiten.

Ich liege auf dem Rücken, der linke Arm und das linke Bein hängen über den Rand der Ufermauer und ich fange an zu singen. „Suzanne takes you down to her place near the river, you can hear the boats go by…“ irgendwann weiß ich nicht mehr weiter und fange von vorne an oder springe zu einer späteren Textstelle. Dazwischen trinke ich oder mache Pausen, die sich mit all dem Brack der letzten Tage füllen und weil ich immer noch nicht weinen will singe ich wieder, eine andere Stelle, vielleicht auch ein anderes Lied, irgendwas mit Herzscheiße. Jemand lacht. Eine junge Stimme. Über mich.

Vier halbfertige Accounts später warte ich auf Freischaltungen, bekomme Premiumaccounts angeboten, und schaue weiter dem Let‘s Player zu. Seit gestern Abend scheitert er sich durch ein ungemein schweres Spiel und ist nun beinahe halb durch. Ich höre seiner Stimme einen gewissen Stolz an, Triumph und Erleichterung beim zwanzigsten Versuch schließlich doch den Sieg davon getragen zu haben. Seine Anfangs mickrige Spielfigur ist inzwischen schwer gerüstet und bewaffnet. Ich erhalte eine E-Mail, ein neuer Eintrag in meinem Gästebuch auf Hardrockflirt.de. Ronnie schreibt, dass seine Freundin Chantalle mich total gut findet aber total schüchtern ist und nur auf Flirtcollege.de einen Account hat. Schau doch mal vorbei. Ist es wahre Liebe oder Marketing? Ich gehe zurück in die Küche, schalte den Wasserkocher nocheinmal ein. Das Wasser ist noch warm, wird nicht lange dauern.

Ich bemerke die Martiniflasche auf dem Zenit ihrer Flugbahn. Erst als sie jemanden aus dem Klüngel Jugendlicher am Kopf trifft, wird mir bewusst, dass ich sie geworfen habe. Ich springe auf, stelle mich aber als, zu einer solchen Koordinationsleistung nicht mehr in der Lage, heraus. Ich rutsche, mein Kopf schlägt hart auf und dann ist viel zu viel von mir auf der anderen Seite. Ich rieche den Fluss, spüre seine Kälte, noch vor dem Nadir meines Falls. Dann schließt sich das Wasser über mir und die Nacht macht der Dunkelheit platz.

„Du musst hier raus“ sagt meine Mitbewohnerin und auf dieses Anraten hin ziehe ich mir schlabbrige Shorts an und gehe zum Bäcker. Draußen ist es heiß, mein Nacken tut weh und ich weiß schon, als ich die Brezen und Apfeltaschen bezahle, dass ich sie nicht essen werde. Zurück zuhause stelle ich wieder das Teewasser auf. Aber dieses mal gebe ich Tee in die Teekanne und stelle fest, dass der Tee fast aus ist. Ich schütte also nur die Hälfte des Wasser in die Kanne und verteile dabei ein paar Tropfen kochendes Wasser auf meine Füße.

Zwischen den Fluss schieben sich hier und da Momente in denen ich Luft bekomme, Fetzen von Laternenlicht in der sich überschlagenden Dunkelheit und Wortscherben zwischen dem Rauschen und der Stille. Etwas hartes stößt gegen meine Brust, schlägt in mein Gesicht, Zähne brechen und es wirbelt mich herum und in der Dunkelheit und in der Stille. In der Dunkelheit.

„Warte nur, irgendwann verstehst du wofür es gut war.“ sagt meine Mitbewohnerin, „Man muss lernen die Geschenke des Schicksals anzunehmen.“ Und das ist der Moment, an dem ich mich entschließe auf die Antibiotika zu scheißen und trinken zu gehen.

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~ von gedichtblog - 21. August 2015.

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