Laichen

Verstehen Sie mich nicht falsch, natürlich ist es kein Leben wert, gelebt zu werden. So verdorben bin ich nicht, dass ich dies ernsthaft behauptete. Es ist nur so, bei manchen, ich meine, es gibt, also es gab solche… Wissen Sie, was ich nie verstanden habe? Warum so viel mehr Alte als Junge sterben. Bei den Alten lohnt es sich doch kaum mehr. Da ist der Schaden längst angerichtet und ob dann noch eine Narbe mehr dazu käme, das sind Kleinigkeiten. Man hätte gar nicht erst anfangen sollen.

Ich war einmal auf einer Hochzeit. Alles rosa und weiß und ein langes Buffet kunstvoll um einen ganzen Lachs herum arrangierter Häppchen. Der Fischkadaver war schon halb ausgehöhlt, Fleischfetzen waren auf der weißen Tischdecke fächerförmig ausgebreitet. Ich habe dem Lachs lange in die Augen gesehen. Es war die gehaltvollste Unterhaltung des Abends. Ich flüsterte lateinische Fragen und der Fisch antwortete in den Details der Ruine seines Leibs. Manchmal kam jemand, drängte mich wortvoll zur Seite und grub mit einer silbernen Gabel tiefer in die Kaverne, legte weiße Gräten frei und streute Abraum über den Tisch. Wenn seine Seite von Hungrigen verdeckt war, sprach der Fisch mit seinen Augen und der Starre seines Mauls. Durch diese besondere Aufmerksamkeit fühlte ich mich dem Fisch verbunden und von den Feiernden getrennt. Da sie laut waren und stanken, lehrte mich der Lachs sie zu ignorieren und von Zeit zu Zeit aß auch ich von ihm. In meinem Mund waren dann Spuren eines großen Ofens, Salzwasser und Zitronen. Die Handgriffe eines Kochs, langsam erlernt, lehrende Worte, Bücher, seine Schuhe oder ihre Schuhe, Kunststoff, eine Fabrik, Kinderhände, eine Ölquelle, Tote im Sand, Feuer auf den Höhen, Lust in Wellblechhütten, Blut zwischen zitternden Schenkeln und so weiter. Es wohnt eine Bruderschaft der Dinge in jedem Ereignis.

Aber ich war auf einer Hochzeit und trug das schwarze Kleid des Bräutigams. Die Braut hatte brüchige Dezemberhände über die sich Sprünge zogen, ihr Gesicht war ein Schleier unter dürrem, fahlem Haar. Ich hatte sie geküsst, küsste sie, würde sie küssen, immer und immer, bevor ich es durfte und danach. Ihre Lippen trockneten und sprangen auf, schwollen an und bluteten. Ja, ich will. Mehr sagte sie nicht. Zukunft hing in der Luft wie Konfetti. Gäste applaudierten. Geschenke lagen auf Geschenken, die Braut trug Rosarot oder Altrosa oder Rosé oder eine Farbe wie ausgedünntes Blut im Badewasser. Ja, sie will. Vielleicht. Ich weiß nicht. Es kommen Sommer nach uns, wollen wir sie füllen? Es kommen Winter nach uns, kalte Moore und fauliger Wind. Aber in brackigem, stehendem Wasser gedeiht das Leben. Anaerobe Vettern, Nepidae and Mücken. Sollen wir unsere Zygoten in diese Dunkelheit geben? Was wohl auf ihnen wachsen würde? Danach redet sie noch viel und oft. Danach spricht sie nicht mehr.

Wir müssen uns den Menschen vorstellen als eine Kolonie von Mikroben, die ihn sich hält wie ein Auto, das sie hierhin und dorthin bringt, oder wie einen Koch oder ein paar Hände und die, so er die Funktion einstellt, ihn verzehrt und bis auf die Knochen vereinnahmt. Der Massenkörper der Mikroben bricht auf und Teile seiner selbst kolonisieren andere Mehrzeller oder bedecken den Boden oder sterben und gehen selbst in anderen, vagen Heerscharen auf. Ein Bakterienstaat, das ist im wesentlichen ein Mensch. Und es werden ja immer mehr. Die Mikrobenmasse könnte überall leben, sie lebt ja überall, aber hier bei uns hat sie ein denkendes Auto, das Autos baut und Flugzeuge und sie überall hin bringt. Und wenn man dann scheißt oder spuckt oder atmet oder etwas anfasst, dann bleiben wieder diffuse Schichten von Leben zurück. Und die mächtigen Moleküle in den Mikroben kommen heraus, opfern ihre Zellwände und dann beginnt ein großes Austauschen, der freiste aller Märkte, jeder gegen jeden, alles mit allem. Und sie werden immer mehr.

Ich will, sage ich. Und da ist ein großes Brausen und Donnern von hundert Händepaaren und jemand ruft und jemand johlt und es ist besiegelt. Danach wird befruchtet. Der Zellhaufen wächst und stirbt und dann kommt ein neuer und der wird irgendwann ein Mensch und irgendwann steht er vor mir, neben ihm ein anderer Mensch und ich verstehe endlich, was ich angerichtet habe. Einen wen nämlich. Aber man beginnt nicht als Person, sondern als schleimige Blaupause, als gieriger Parasit, als neu arrangierte Gensammlung. Man frisst sich am Mutterleib satt, dessen Jahrzehnte voller PMS, Unterleibskrämpfe, Zysten, Scheidenpilz, Abstriche, Spekula und Liebeskummer der Preis sind für die Selbstsucht der Natur. Unter meinen herzlosen Liebkosungen zuckt ein leer gefressener Leib und hinter allem waltet ein großer Wille, ein blindes Ungeheuer, eine pulsierende Absurdität, amorph und klebrig, deren größtes Missgeschick der Mensch ist, mit seinem Bewusstsein, seinem Wer.

Irgendwann steht es vor mir, mein Kind, wie man sagt. Das wandelnde Vehikel eines Genkongolomerats, das durch mich gegangen ist, wie es durch meine Eltern und deren Eltern und deren Eltern Eltern gegangen ist. Ich kann es nicht mehr abtreiben, dafür ist es zu spät, es will ein Wer sein, redet und denkt und will mit aller Kraft glauben, dass es ein Mensch sei. Ich gratuliere ihm, was ist menschlicher, als der blinde Wunsch kein bloßer Teilleib des Lebens zu sein? Dies wäre eine gefährliche Einsicht. Stellen wir uns vor, so ist es vielleicht einfacher, es gäbe einen Gott.

An einem allerweltlichen Tag erlangten wir darüber Erkenntnis, fanden den maßgeblichen Beweis. Nicht als Theorie, sondern unwiderlegbar wie der Boden auf dem wir stehen, sprang uns die Wahrheit an. Im just jenem Augenblick verschwanden wir. All unsere Zwecke hatten sich als Illusionen erwiesen, gegenüber dem Allzweck der Gottheit, all unsere Ansichten und Erkenntnisse als bedeutungslos vor der absoluten Wahrheit. Es war das Ende der Interpretation und wir schüttelten das Bewusstsein ab wie abgetragene Mäntel, wenn der Frühling kommt. Es war das Ende der Möglichkeit des Menschen und wir wandten den Blick ab und schlichen zurück in die Kirchen und Kaufhäuser, die Finger in den Ohren und das Mantra des erfolgreichen Leugnens auf den Lippen: Immer ein Schritt nach dem anderen. Und irgendwann fingen wir wieder an zu reden und zu glauben und vergaßen, denn es war notwendig das Wissen zu entsorgen um Platz für Glauben zu schaffen. Verstehen Sie? Das Leben kann nur dann einen Sinn für uns haben, wenn es keinen Sinn hat.

Und so und nicht anders ergeht es uns mit der Natur, dem Leben, Mutter Erde, nennen Sie es wie Sie wollen. Sie will ja, dass wir weiter machen, sie ist ja im wesentlichen nichts als dieser Wille. Und das Missgeschick des Bewusstseins, dass uns erlaubt zu verstehen, in welcher Lage wir sind, hat sie mit vielen Tricks versucht unschädlich zu machen. Mit Freude und Glück und Wärme, diesen ganzen kurzen Trips zwischen der Omnipräsenz des Leides. Und bei den meisten Tieren funktionieren die sehr gut. Sie bringen sich nicht um. Warum auch? Die Frage nach dem Sinn des Ganzes taucht nicht auf, weil das Ganze nie ins Blickfeld gerät. Das Bewusstsein aber ist die Katastrophe der Natur, das einzig mögliche Vehikel ihrer Vernichtung. Ohne ein Bewusstsein gibt es zwar vielleicht Leid und Schmerz, aber diese sind Bedeutungslos, weil es keine Bedeutungen gibt. Es braucht ein Bewusstsein um den Sinn des Leides zu suchen.

Und da stehen wir dann, zwischen der Frage nach dem Sinn und der Einsicht in den Ablauf der Natur. Ein großer Wille waltet in uns, treibt uns zu ficken, zu fressen, zu zerstören und aufzubauen, zu lieben und zu leiden. Und solange wir uns einreden, dies nicht zu verstehen, solange können wir uns kaum daran stören. Nicht das Leid der Zukunft macht das Kinder Zeugen zu einem Übel, sondern das Bewusstsein der Zukünftigen. Mehr Wesen, deren Einsicht in den Sinn ihres Daseins die Unmöglichkeit ihres Sinns einsichtig macht. Alles dient den blinden Zwecken des Lebens. Jeder unserer Zwecke ist also entweder falsch oder gehorcht diesem übergeordnetem Prinzip. Es ist also, als gäbe es Gott und wir haben nichts zu sagen.

Und um diesem, sagen wir, Pessimismus zu entgehen, belügt uns das Leben. Gaukelt uns vor, wir hätten Absichten, verfolgten Zwecke, belohnt uns sabbernde Hunde mit kurzen Glückstrips, Wohlfühlmomenten und wir glauben allzugerne, es könnte schöner werden, glauben an das Versprechen des nächsten Trips, so wir nur mitspielen. Mach mehr von mir, dann fühlst du dich glücklich, mach ein Kind, dann wirst du geliebt, arbeite, baue, iss, atme, deine Kinder sollen es mal besser haben als du. Und ich bin darauf herein gefallen. Und vor mir steht sie nun, die Zukunft und liebt mich. Mit großen Augen, mit Plänen und Hoffnung und Wünschen und einem Recht auf meine Sorge und meine Liebe. Das bisschen Bewusstsein, denk ich mir, liegt über dem namenlosen Urwillen wie eine durchweichte Lage Küchenpapier über schimmelndem Haferbrei. Es hilft nichts. Also nehme ich es an die Hand, das Kind des Lebens, dass durch mich hindurch zur Welt kam, mein Kind, wie man so sagt und ich erzähle ihm die gleichen alten Lügen und füttere sein junges Hirn mit Ego, Selbst und Wer. Wir spielen in der Sonne und packen uns warm ein, wenn es kalt wird. Irgendwann züchte ich ein zweites in meiner Braut und so weiter und so weiter.

Das schlimmste daran, Kinder zu haben, ist, dass man sich nicht mehr umbringen darf. Und da beneide ich den Lachs, von Anfang bis zum Ende kein Moment Bewusstsein, nie ein Grund zum sterben und am Ende doch tot. Aber das ist auch Unfug, der Lachs spielt ja mit. Nein, am besten wäre es ein Stein zu sein, treibenden im Weltall, gewaltigen Kräften unterworfen die sanft und langsam an dir ziehen. In Spiralbahnen herumgeworfen, bis du zerstäubt wirst in irgendeiner Kollision oder verdampft in der Nähe eines Sternes. So wäre das Universum richtig gewesen, Steine und Sterne und kein Wille dazwischen. Aber war es nicht einst so? Und wir wissen ja, was daraus geworden ist.

Ach, hören Sie. Machen Sie meinen Fehler nicht. Ich bin jetzt alt. Mein Tod lohnt sich nicht mehr, weil sich mein Leben für das Leben gelohnt hat. Wenn Sie sich umbringen, dann solange es sich noch lohnt. Also bevor Sie Kinder bekommen, spätestens dann ist es egal, dann geht es weiter mit dem Bewusstsein. Tragen Sie sich mit dieser Hoffnung: Noch können wir, rein technologisch, nicht das Leben auf der Erde komplett auslöschen. Aber wer weiß, mit der Geschwindigkeit der Entwicklung heutzutage ist dieser Tag vielleicht gar nicht mehr so fern. Wir, ja wir erreichen das nicht. Aber unserer Kinder könnten es ja vielleicht besser haben. Dafür lohnt es sich doch zu arbeiten und glücklich zu sein, oder?

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~ von gedichtblog - 30. Januar 2016.

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