Taufe

Taufe
Sie sah in den Spiegel, überprüfte ihr Make-up und fand im Blick ihrer Augen keinen Zweifel. Einen Haargummi legte sie an und betrat die zweite Kabine. Jeder Schritt und jeder Handgriff war vertraut. Und dennoch geschah, was sie schon lange aufgehört hatte zu fürchten. An jenem Abend kotze sie sich die Seele aus dem Leib.
Sie erschrak, so gut sie es noch konnte. Ihr Herz begann zu rasen, aber ihre Gedanken blieben ruhig. Ob sie jetzt noch etwas ändern konnte? Vielleicht, dachte sie, liegt die Seele ja noch in der Kloschüssel. Ein kleines, schwarzes, verschrumpeltes Ding, inmitten einer 600 Kalorien schweren Lache aus Magensäure und kaum verdauten Nudeln mit Pilzen und Broccoli. Sie begann sich nach vorne zu neigen und blickte nach unten. Da war nichts. Nur die Kotze im Klo.
Beim ersten Mal war es ihr schwer gefallen. Sie hatte lange darüber nachgedacht, bevor sie es versucht hatte. Es war schwierig gewesen, aber sie hatte mit dem endlosen Mantra ihrer Hässlichkeit das unangenehme Zusammensein von Finger und Gaumen durchgesetzt, nur um zitternd und zuckend mit der Hälfte ihres Mageninhalts die Schüssel zu verfehlen. Der Boden war voll gewesen von dem Zeug und ihre Hose, ihre Schuhe und ihre Haare. Was sie da in ihrem Badezimmer und auf sich selbst verteilt hatte, war einmal Stück Erdbeerkuchen gewesen. 560 Kalorien, gewissenhaft in ihr Tagebuch eingetragen.
Die Kotze im Klo stank. Sie hatte sich schon längst den Ekel davor abtrainiert. Das war einfach gewesen, anders als der Ekel vor ihrem Spiegelbild. Sie konnte sich nichts vorstellen, was ekliger war als Fett, wabbelnde Bergmassive angefressener Widerwärtigkeit, die sich an ihren Hüften, an ihrem Arsch, an ihren Schenkeln, an ihrem Kinn und unter ihren Armen ausgebreitet hatten. Aber jetzt, wo sich ihr Kopf senkte und der Kotze im Klo immer näher kam, drang ihr der Geruch mit großer Schärfe in die Nase und sie fragte sich, ob sie sich noch einmal, und dieses Mal unwillkürlich, würde übergeben müssen.
Für das erste Mal hatte sie gewartet, bis sie ein eigenes Apartment hatte. Vierzehn Quadratmeter mit einer Kochnische und, darauf kam es an, einem eigenen Bad. Sie hatte sich beim Aufwischen noch zwei weitere Male unfreiwillig erbrochen. Am Schluss hatte sie noch mehr gezittert als am Anfang, und das voll gesaugte Klopapier kaum mehr halten können. Zusammengesunken, mit dem Rücken gegen die Tür gelehnt, hatte sie die Kloschüssel angestarrt. Obwohl sie es regelmäßig geputzt hatte, wies das weiße Porzellan Makel auf. Staub, Sprünge unter dem Lack, Ränder, wo Urin und Wasser verdunstet waren, und unter außen noch etwas von ihrem Erbrochenen. Irgendwann war sie aufgestanden und hatte in ihrem Tagebuch 560 Kalorien durchgestrichen. Dann geduscht.
Sie würgte ein wenig Magensaft und Galle hervor. Die Hälfte blieb bitter und anhänglich in ihrer Kehle hängen. Ihre knochigen Hände mit den falschen Fingernägeln krallten sich in den Spülkasten. Der Ringfinger ihrer linken Hand krampfte sich über dem Druckknopf der Spülung zusammen und während sich Knopf und Finger in den Spülkastendeckel versenkten, blieb der Nagel hängen. Der lackierte Kunststoff trennte sich abrupt von ihrem aufgeweichten, echten Fingernagel und riss ein Stück von ihm aus dem Nagelbett. Fett und schwer hing die amputierte Prothese mit einem kleinen Streifen Kleber an ihrer Nagelhaut, während Blut auf den Spülkasten tropfte. Der Gestank der Kotze nahm sie in die Arme.
Sie hatte schnell gelernt, worauf sie achten musste. Ein Haargummi und halbwegs enge Ärmel verhinderten das Gröbste. Der Rest war eine Frage der Übung gewesen. Es dauerte nicht allzu lange, bis sie sich auch auf öffentlichen Toiletten erleichterte. Nur selten hatte sie sich noch die Kleidung schmutzig gemacht. Einmal beim Abendessen mit einem Mann, den sie mochte. Irgendwie hatte sie gut 50 Kalorien Ratatouille auf ihre beige Hose bekommen. Sie hatte versucht die Flecken aus ihrer Hose zu bekommen und dabei war kaltes Wasser auf ihre Bluse gespritzt. Sie würde ihrer Verabredung erklären, dass das Wasser mit zu hohem Druck aus dem Hahn geschossen war, sich dann entschuldigen und nach Hause gehen. Das war für lange Zeit das letzte Mal gewesen, dass ihr der Geruch, der ihr anhaftete, aufgefallen war. Mit Deo und Mundspray hatte sie ihn vertrieben. Jemand war herein gekommen, andere Frauen. Kichernde Frauen. Schnüffelnde Frauen. Sie hatte mit schnellen Schritten die Toilette, das Restaurant und die Verabredung hinter sich gelassen und war erst zu Hause stehen geblieben. Seitdem trug sie keine hellen Hosen mehr.
Jetzt konnte sie die Kotze an jedem Teil ihres Körpers riechen, spürte den Geruch in ihren Eingeweiden. An ihrer Leber war er grün und bissig, ihren Dünndarm hielt er wie eine gelbe Python im Würgegriff, ihr Magen verfaulte in ihm wie in einem brackigen Moor, aus ihrer Gebärmutter wucherte er wie ein bleicher Pilz, und um ihr Gehirn hatte er sich wie ein Schal aus Stacheldraht gewickelt. Es fühlte sich richtig an.
Sie war inzwischen so weit vorgebeugt, dass ihre zusammengebundenen Haare links an ihrem Hals vorbei nach vorne fielen. Sie schoben sich zwischen die Nudel- und Pilzstücke, als gehörten sie dort hin. Rauschend floss kaltes Wasser aus dem Spülkasten in die Schüssel, zog an ihren Haaren und schlug ihr ins Gesicht.
Ganz unten, in der Dunkelheit des Abflusses, glaubte sie einen Moment lang ein indigofarbenes Glänzen zu sehen, als ihre Kotze, ihr Ekel und ihre Seele weg gespült wurden als hätte es nichts davon je gegeben.
Sie stand auf, putze sich die Nase und reparierte ihr Gesicht. Dabei sah sie in den Spiegel und was sie sehen konnte war ihr Make-up, rot, und schwarz, und Puder wo andere Menschen Haut hatten. Sie suchte nach ihren Augen und fand sie nicht.

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~ von gedichtblog - 11. Februar 2011.

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